Weihnachtsblicke

Seine kleinen Augen blickten in die vielen Fenster, während er mit seinen müden Beinen durch die Straßen lief. Lichter zierten die geputzten und glänzenden Scheiben. Bunte Kugeln und Schleifen ruhten schweigend auf den dürren Ästen der Bäume. Tagelange Hektik verstummte mit dem Morgen dieses einen Tages. Keine Menschenseele war in den verlassenen Straßen zu sehen. Die Autos der Millionenstadt ruhten, nachdem sie mit besonders großem Einsatz durch die Schneemassen ächzten. Kleine, kristallene Flocken fielen auf das Haupt des kleinen Jungen. Seine Haare waren durchnässt und seine dünnen Finger haben sich blau verfärbt ob der Kälte dieser Nacht. Nur der Mond über seinem Kopf verlieh den Straßen in der Stille etwas Leben. In seinem schweigenden Licht irrte er hilflos umher und wusste nicht, wohin er gehen sollte.

In einer Straße voller Lichter und Schleifen in den Hecken, in den Fenstern, in den Gärten und an den Laternen blieb er schließlich erschöpft stehen. Er ließ seinen Blick schweifen, seine aufgerissenen Lippen fest aufeinandergepresst. Mit leisen Schritten schlich er hinüber zum nächstbesten Haus und hockte sich dort unter das große, beleuchtete Fenster. Mit großen Ohren lauschte der kleine Junge und hörte Gelächter. Gläser klirrten aneinander und Kinder riefen fröhlich nach ihren Eltern. Vorsichtig blickte er hindurch. Sie waren in seinem Alter, der Junge und das Mädchen. Die kleine, brünette Gestalt mit leuchtend-langen Haaren hielt stolz ein riesiges Plüschpferd in ihren Händen und drückte es an sich. Ihre Augen glänzten und ihre Lippen formten ein Lächeln. Der kleine Junge mit struppeligem, schwarzen Haar hielt zwei Figuren mit Pistole und Hut empor und grinste mit weit offenem Mund. Er hüpfte über das große, rote Sofa im Zimmer und wurde lachend ermahnt. Ein Mann sah ihn an und lächelte verständnisvoll. Für den Moment verlor sich der Kleine vor dem Fenster in Gedanken, ehe er zum nächsten Haus schlich und am nächsten dekorierten Fenster hockte.

Er sah eine Gruppe Erwachsener am Tisch sitzen. Sie aßen schweigend ihr Essen und keiner Sprach miteinander ein Wort. Ein Mann und eine Frau tauschten unglückliche Blicke, ehe eine kleine, rundliche Frau ihre Stimme erhob. Sie wirkte kalt und distanziert. In der anderen Ecke des Raumes erkannte er ein Mädchen. Sie hatte ihre Hände fest zu Fäusten geballt und saß vor einem leuchtenden, großen Tannenbaum. Ihr Kopf lag auf ihren Beinen, ihre Schultern waren zusammengesunken. Sie weinte und blickte wütend zu den Erwachsenen am Tisch. Plötzlich erhob sich ein Mann und sah sie vorwurfsvoll an. Das Mädchen schrie und lief tränenüberströmt fort. Im anderen Haus hatte der kleine Junge gesehen, wie bunt geschmückte Kartons aufgerissen auf dem Boden lagen. Hier aber sah er keine.
Er dachte an das Mädchen, ehe seine kleinen Beine sich zum nächsten Haus schlichen. Auf seinem Weg zuckte er zusammen. Aus dem Haus tönte deutlicher Lärm. Vorsichtig näherte er sich und ließ sich unter dem Fenster nieder.

Dort angekommen hörte er Geschrei. Ein Glas flog an die Wand und zerbrach mit einem Scheppern. Mehrere Erwachsene hoben drohend ihre Finger. Sie redeten aufeinander ein, bis zwei von ihnen aus dem Haus gestürmt kamen. Der Junge zuckte überrascht zusammen und drückte sich fest an den Busch unter dem Fenster, damit ihn niemand sah. Der Mann und die Frau, die herausgerannt kamen, öffneten mit rotem Gesicht ihren Wagen. „Wir konnten euch sowieso nie ausstehen! Endlich muss ich eure Gesichter zu Weihnachten nicht mehr ertragen und dämlich nett Grinsen!“ Die Frau schrie ein letztes Mal und stieg mit ihrem Mann ein. Der andere, große Mann in der Tür schrie noch einmal hinterher. „Gut so! Fahrt von mir aus zur Hölle mit eurem Gehabe. Wir haben euch nie als Familie betrachtet!“ Eine Tür knallte ins Schloss und Reifen quietschten, ehe es wieder still wurde in dieser Nacht. Bedrückt hielt der Kleine inne, ehe er zum letzten Fenster auf dieser Straßenseite schlich. Er konnte ein leuchtendes Feuer in einem großen Kamin erkennen. Davor saß ein älterer Mann gemeinsam mit seiner Frau und aß. Sie beide lachten und erzählten, ehe sie sich beide bei den Händen nahmen. Er konnte durch das Fenster leise die Stimmen der beiden hören. „Jeder Tag mit dir ist ein Segen. Es ist schön, dich an meiner Seite zu wissen.“ Die Frau lächelte und ihre Augen blickten in die Richtung des Mannes. „Auch ich bin mit dir gesegnet. Auf weitere, schöne Jahre. Auf unsere Liebe.“ Der kleine Junge sah, wie sie aufstanden und sich in den Arm nahmen, ehe beide zu tanzen begannen. Nachdem er das weinende Mädchen und die schreienden Erwachsenen gesehen hatte, wurde ihm wieder etwas wärmer in seiner Brust. Schließlich ging er leise weg vom Fenster und setzte seinen Weg durch die Straßen fort.

Im Schein der Laternen suchte er nach einem trockenen, warmen Ort, an dem er sich ausruhen konnte. Die kaputten, schmutzigen Kleider an seinem Leibe waren durchnässt. Schneeflocken glitzerten in seinem fettigen, zerzausten Haar und Löcher zierten seine Schuhe. Er nahm eine Bewegung am Ende der Straße wahr, als eine Mutter mit ihrem Sohn um die Ecke bog. Er hielt ein bunt verpacktes Geschenk in seinen Händen und beide lächelten. Plötzlich sahen sie ihn beide und der Junge blickte fragend, die Mutter alarmiert. „Mama…“ „Komm‘, mein Junge, halte dich lieber von ihm fern“, sagte sie, während sie mit angeekeltem Blick auf die verwahrloste Gestalt des Jungen schaute. Der Kleine hörte eine Tür ins Schloss fallen, ehe er wieder alleine mit der Nacht war. Es war der Heilige Abend, wie ihn die Leute nannten. Doch der Junge hatte von ihm keine Ahnung. Er verstand auch nicht, wieso alle Menschen es „das Fest der Liebe nennen“, wenn geschrien und geweint wird. Und warum waren Menschen so wie er ganz alleine?

Er wollte weiterlaufen und bog in die nächste Straße ab, wo er auf einem vereisten Stück Weg plötzlich das Gleichgewicht verlor. Der Junge rutschte aus und fiel in den Schnee. Durchgefroren und zitternd lag er da, ganz allein auf der Welt. Plötzlich hörte er Schritte im Schnee, die auf ihn zukamen. Verängstigt und traurig fürchtete er, dass jemand ihn wieder so ansieht wie die Frau zuvor. Er ballte die Fäuste und rollte sich fest zu einer Kugel zusammen. Der kleine Junge bemerkte, wie die Schritte vor ihm stoppten und blickte trotz seiner Angst auf, nur um ein Lächeln, eine Decke und eine ausgestreckte Hand zu sehen. „Mein liebes Kind. Es ist furchtbar kalt und viel zu dunkel, um alleine hier draußen zu sein. Dir ist doch bestimmt kalt? Lass‘ mich dir aufhelfen und dir eine Decke geben.“ Mit stottender, überraschter Stimme sagte er, dass er nur ein dreckiges Kind von der Straße sei. Und mit fester Stimme wurde er aus genau diesem Grunde eingeladen, in dieser Nacht Gast der Frau zu sein, die ihn dort alleine auf der Straße fand. Sie bot ihm warme Kleidung und ein Bett. Sie gab ihm zu Essen und zu Trinken. Sie schenkte dem kleinen Jungen so viel Freundlichkeit, dass er nicht anders konnte als zu lächeln und zu weinen. Und als er ihr dafür dankte, drückte sie ihn sanft bei der Schulter und erwiderte mit warmer Stimme nur eines:

„Frohe Weihnachten.“

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