Die verletzte Kriegerin / der verletzte Krieger

Unsere Existenz gleicht einem Fluss in den weiten Straßen des unermesslichen Univerums. Viele Leben hat die Seele, die darin treibt, oft schon durchlebt. Und viele Erfahrungen, Wurzeln und Wunden hat ihr zarter, lichterfüllter Körper auf seinen Wegen dabei immer wieder erfahren. Sie trägt Wunden, die das Durchleben des Seins in menschlicher Gestalt unvermeidbar mit sich bringt. Und die Seele trägt auch Wunden, welche sie sich selbst auf unterschiedlichster Weise im Laufe ihres Lebens zufügte. Einige dieser Wunden verbleiben auf ewig in ihr. Und die wilde, ungezügelte Kriegerin, der wilde, ungezügelte Krieger wird in seiner hitzigen Inbrunst geschlagen. Irgendwann ist der Punkt unvermeidbar, an dem sie ihre Schwerter, ihre Rüstung und ihre Schilde fallen lassen muss. Pfeil um Pfeil haben Körper, Herz und Seele getroffen – und somit den Geist dessen, der stets bekämpfte, was ihm missfiel und sich erhob im Namen dessen, wofür er als Verfechter kämpfen wollte.

In ihren Anfängen ist die Kriegerin / in seinen Anfängen ist der Krieger noch beseelt von einer feurigen Wildheit, die er selbst wie ein Schwert zu jeder Zeit zu schwingen gewillt ist. Die Seele ist ungehemmt wie das Kind, das mit seinem Holzschwert den monströsen Drachen in der Höhle nahe des Dorfes töten möchte. Es schwingt sein Schwert beherzt mit den Flügeln, die Geschichten um Heldentümer ihm schenken. Doch jeder Drache, den eine Seele in ihrem Leben erlegen will, vergießt am Ende doch ihr Blut und verbrennt ihre Haut. Wunde um Wunde und Schlag um Schlag erfährt die Kriegerin / der Krieger Rückschläge, Schmerz und Verwundung. Und mit jeder weiteren Wunde, die ihr / ihm zugefügt wird, trägt auch die Seele im Körper der Kriegerin und des Kriegers Narben und Wunden. Manche dieser Wunden bleiben und werden nicht länger verheilen. Und so zieht die Kriegerin / der Krieger einmal mehr aus, mit jedem weiteren Leben auf Erden um neue Wunden reicher. Irgendwann schließlich ist der Punkt erreicht, an dem das Feuer dieser Seelen ermüdet und das Schwert in ihren Händen zu schwer wird. So sehr sich die Kriegerin und der Krieger auch dagegen wehren, sträuben und aufbäumen mögen: Das Schwert in ihren Händen muss und will endgültig fallen. Nach etlichen Existenzen des Krieges, des Kampfes und des Leides in all‘ ihren Formen jedoch ist es vor allem die Seele selbst, die sich von dem Schwert in sich befreien muss. Kein erbitterter Kampf wird ihr mehr dienen. Und kein noch so großer Kampf wird die Heilung und den Frieden bringen, die die Kriegerinnenseele / die Kriegerseele in ihren vielen Leben so verzweifelt gesucht und so verzweifelt hat zerrinnen sehen. Sie trägt die Sehnsucht des Friedens und die Narben vieler Schlachten etlicher Menschheitsgenerationen. Und nun steht sie da, das erste Mal ohne Schwert und nur sich selbst in den Händen. Die Wunden der vergangenen Leben sind die Potenziale, die die so lang gesuchte Heilung in sich tragen. Doch die verletzte Kriegerin und der verletzte Krieger müssen aufhören, sich als solches zu fühlen: Keine Krieger mit dem Schwert in Händen sollen sie länger sein. Sie sollen die Vernunft, die Güte und der Frieden sein, für den sie sich selbst in ihren vielen Leben so erbittert in die Schlacht gestürzt haben. Vom großen Stolz derer, die mit ihrer ganzen Kraft kämpften und dabei herausragende Schlachten schlugen müssen sie den Pfad zur Aufgabe ebensolchen Kriegers beschreiten. Ihre Wunden, ihre Rückschläge und ihr vieles Kämpfen, das am Ende doch den Kampf selbst niemals in die Knie zwingen konnte, ist der Ruf zur Demut und die Besinnung auf die großen Heilkräfte derer, die tiefe Wunden tragen.

Was der Kriegerin und dem Krieger einst als Trophäe erschien, soll nun das Fundament sein, auf dem sie nackt und ohne Schwert hinaus in diese Welt gehen. Ihre verletzte und vernarbte Seele, die so viel Müdigkeit und Schmerz aus ihren vielen Leben trägt, hat nun für sich begriffen, das das Schwert keinen Frieden bringen wird. Und so verbeugen sich die einst stolzen Krieger in großem Schweigen vor dem, was der Mensch als das Leben und das Universum kennt, so wie sie sich auch demütig und in Annahme vor ihren Wunden verbeugen. Manche dieser Wunden sind die Verletzung von Generationen. Manche dieser Wunden sind Zeichen des Schwertes, das einst voller Überzeugung getragen wurde. Manche Wunden sind Zeichen tiefgreifender Erlebnisse mit anderen Seelen, die sich auf besonders prägsame Weise in ihr zartes Lichtkleid gewebt haben.

Wer an Verwundung denkt, der sieht oft darin etwas schlechtes. Niemand möchte Wunden mit sich tragen. Und niemand möchte geboren sein in dem Wissen, bereits vom Moment seiner Geburt an bereits solche zu tragen. Jede Wunde unserer Seele, jede Wunde unseres Herzens jedoch ist der Ort, an dem alles Licht besonders heilsam und intensiv scheinen darf. Dieses Licht ist heilsam und verständnisvoll, weil es für sich Leid erfahren hat und solches fortan bei anderen vermeiden will. Dieses Licht ist verständnisvoll und gütig, versteht es durch den eigenen Schmerz das Leid anderer auf tiefster Ebene. Eine solche latente Gabe des Einfühlens und der Empathie vermag nicht nur uns, sondern auch anderen Menschen auf ihrem Weg zur Heilung zu verhelfen. Einige Wunden jedoch müssen bleiben, damit sie vollends wirken und uns auf unserem Pfad der Bestimmung in förderlicher Weise begleiten können. Die verwundete Kriegerin / der verwundete Krieger der Vergangenheit ist der potenzielle Heiler und Empath der heutigen Zeit. Nicht das Schwert, sondern der Frieden soll nun sein Weg sein. Und jede Wunde, die er trägt, birgt Potenziale für die Menschheit.

Pfeil um Pfeil bohrte sich in seinen vielen Leben in sein Herz und hinterließ Wunden in der Seele, die sie stets begleiten werden. Wo uns jedoch einst jene giftigen Pfeile trafen, darf nun das Heilsame fließen. Und wie der Schütze selbst vermögen wir unsere Pfeile zu erheben und sie mit größter Ruhe und Hingabe zu verschießen. Die Pfeile dieses Schützen jedoch treffen nicht, um zu verletzten. Sie treffen, um zu heilen: Und das stets dort, wo es am meisten der Heilung bedarf.

So werde auch du ein Schütze unserer heutigen Zeit. Jede Wunde, jeder Schmerz ist der Ort, an dem unser Herz die Ödnis der Wüste küssen und unsere Seelen die Tränen des Regens umarmen darf. Und mit jedem neuen Tag bietet jede Wunde in deiner Seele die Chance ein Stück sanfter, ein Stück mitfühlender, ein Stück liebevoller und ein Stück friedvoller zu werden.

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