Das Dilemma der kreativen Herzen

Es war gerade 15:00 Uhr am Mittag, als ich mich zu meinem Lieblingsplatz innerhalb der Stadt begab. Trotz der vielen Menschenmengen gab es einige wunderbar ruhige Orte, die vor den triebigen Augen der Menschenmassen oft in aller Hektik verborgen blieben. Durch das Labyrinth aus engen Mauern begab ich mich auf den alten Weg, der früher einmal den anliegenden Stadtpark mit der alten Abtei am Rande der Einkaufsmeile verband. Obwohl der einst gut sichtbare Pfad deutlich durch Büsche und Sträucher verborgen war, fand ich ihn ohne weitere Probleme. Die Abtei meiner Heimat ist den Geschichten nach bereits mehrere Jahrhunderte alt. Der ruhige, verlassene Hof der Anlage bot mir einen idealen Platz, um ungestört zu malen. So packte ich meine Malutensilien auf der großen Bank im Schatten des alten Ahorns aus und begann wie üblich voller Eifer meine kreative Ader fließen zu lassen.

Nach einiger Zeit kam ein groß gewachsener, stämmiger Mann vorbei, der sich schweigend neben mich setzte. Anfangs hatte ich ihn nicht einmal bemerkt, so vertieft war ich in meine aktuelle Arbeit. “Heute ist ein wirklich schöner Tag, nicht wahr?”, fragte er nach eine Weile. Seine Augen ruhten konzentriert auf dem Fluss der Wolken am Himmel. Die Frage stellte er ohne ein Lächeln. “Ja, da haben Sie recht.” Er schlug die Beine übereinander und faltete auf der akkurat gebügelten Anzughose seine Hände, ehe er schließlich lächelte. Es wirkte herausfordernd und neugierig zugleich. “Weißt du”, begann er schließlich sichtlich entspannt, “was ich mich gefragt habe, seit ich dich malen gesehen habe? Weißt du eigentlich, was du dort tust?” Überrascht von der Frage hielt ich für einen Moment inne und hörte auf, mit dem Pinsel zu malen. “Wie genau meinen Sie das?”, fragte ich. “Sie sehen, dass ich male. Es bereitet mir Freude und entspannt mich dazu, egal wo und wann ich es tue.” Sein Lächeln verzog sich zu einem Grinsen. “Nun, das ist schön und gut”, sagte er. “Doch sieh’ dich einmal an, Kind. Du bist 28, hast bisher keinen Job vernünftig zu Ende führen können und bist allem anschein nach vollkommen ausgelaugt von dem Leben, das du lebst. Obwohl du das Malen liebst, zerstört es dich. Warum? Es vereinnahmt dich in einem so hohen Maße, dass du dich in deinem Leben anderen Dingen auch kaum nur im Ansatz so hingebungsvoll und energisch widmen kannst wie dem Herumschwingen deines Pinsels.” Verdutzt und verunsichert von dem, was der Mann sagte, brachte ich kein Wort hervor. “Nun, du fragst dich, woher ich diese Dinge über dich weiß? Sage mir vorher, wofür du malst und wofür du lebst. Ich frage daher noch einmal: Weißt du, was du tust?” Genüsslich stützte er seinen rechten Arm mit der linken Hand und ließ seinen Zeigefinger nun an seinem Kinn ruhen. Ich kam mir vor im Verhörraum eines Präsidiums. “Ob ich weiß, was es bedeutet, zu malen?”, fragte ich. “Ich liebe die Malerei mehr als alles andere in meinem Leben. Nehme ich einen Pinsel, nehme ich mir Farben und male damit, so fühle ich mich lebendiger als sonst. Vieles in meinem Leben ist in den letzten Jahren wirklich ziemlich bescheiden verlaufen, dass muss ich mir offen und ehrlich eingestehen. Die Jobs, die ich angefangen habe, verlor ich alle recht schnell. Nichts von dem, was ich tat, füllte mich so sehr aus wie die Malerei. Und dennoch: Damit aufzuhören käme für mich niemals in Frage. Jede Art von Künstler, seien es Maler, Fotografen, Autoren, Designer oder etwas vollkommen anderes, sie alle gehen ihrer eigenen Kunst vor allem aus einem Grund nach: Sie folgen dem Ruf ihres Herzens. Sie können mit dem, was sie tun, nicht einfach aufhören. Jeder Künstler wird von einem Drang, von einer Leidenschaft und von einer Hingabe angetrieben, die sich niemals präzise in passende Worte fassen ließe und von Menschen oft als Obsession aufgegriffen werden kann. Es ist ebenfalls keine Seltenheit, dass wir durch unsere manchmal widersprüchliche, schwierig handzuhabende Persönlichkeit von Menschen verlassen werden, die mit unserer Liebe zur Kunst überfordert sind.”

Ich hielt einen Moment inne und lachte, ehe ich fortfuhr. “Ich merke es oft genug an mir selbst. Meine Freunde und meine Familie sind an mir und meinem Maltrieb beinahe verzweifelt. Mittlerweile sehen wir uns nur noch sporadisch und sind zueinander eher wie Fremde. Oft verzweifle ich an meiner chaotischen Gefühlswelt selbst. Sie ist wie eine Achterbahn, die einen vollkommen mitreißt und keinerlei Ausweg bietet. So berauschend und produktiv dieser Zustand auch sein kann, so energieraubend und destruktiv kann er für uns und unser Leben gleichzeitig sein. Diese Hingabe zur Malerei und jene emotionalen Achterbahnfahrten sind mitunter der Grund, warum ich mir so schwer mit dem Fußfassen in dieser Welt tue. Vielleicht fragen Sie sich, warum ich nicht Kunst studiere, wo ich die Malerei nach eigener Aussage doch so sehr liebe? Hierzu fehlt mir das Abitur, das Durchhaltevermögen und vor allem die Fähigkeit, mich mit vielen festen Strukturen und Mustern zu arrangieren. Schon in der Schule gab ich mir kaum wirkliche Mühe, habe ich mich die meiste Zeit über schlicht und ergreifend gelangweilt gefühlt. Für mich sind sie gefühltes Gift. Sehen Sie sich doch einmal meinen hageren Körper an. Ich habe Augenringe, die von hier bis zum anderen Ende dieses Planetens reichen würden. Oft schlafe ich schlecht und sorge mich um meine Zukunft. Sich einer Sache mit Herz und Seele derart verschrieben zu fühlen ist Fluch und Segen zugleich. Oft wird die Kunst, insbesondere von unbekannten Künstlern wie mir, nicht beachtet und nicht gewürdigt. Dieser Umstand kommt erschwerend hinzu. Bleibt auf Dauer die Wertschätzung seiner eigenen Arbeit aus, so ist der Künstler schnell dazu geneigt, zu resignieren. Sie glauben gar nicht, wie oft ich Abends vor meinen Werken saß und daran verzweifelt bin. Fehlt mir Originalität? Bringe ich zu wenig meiner Emotionen herüber? Diese Fragen lassen einen an sich selbst zweifeln, achtet man nicht auf seine Gedanken und seine Emotionen. Es ist schwer, heutzutage jemand zu sein, der am liebsten frei und ungehindert der Passion seines eigenen Herzens folgen will. Nur sehr selten wird man ermutigt und unterstützt in dem, was man tut. In meinem Fall habe ich häufig mit Unverständnis und Missachtung kämpfen müssen. So bleibt es zusätzlich am Künstler, sich selbst neu aufzubauen und zu motivieren. An mangelnder Wertschätzung ist schon so manches Selbstvertrauen eines Künstlers zerbrochen. Und dennoch: Obwohl ich momentan arbeitslos, müde und ausgelaugt von dem Leben mitsamt seinen Strukturen und Anforderungen bin, könnte ich mir nichts schöneres vorstellen, als hier zu sitzen und zu malen. Für meine Farben, meinen Pinsel und meine Ideen schlägt mit jedem neuen Tag mein Herz. Sollte dies nicht vielleicht sein, was wir gerne als unsere innerste und wahre Berufung verstehen? Es mag schwierig und belastend sein, doch zugleich auch eine wunderbare Erfüllung. Jeder Künstler, ganz gleich von welcher Art, sollte lernen, mit seinen Dämonen ohne Furcht zu tanzen. Und bedeutet unsere tiefste, innerste Passion ebenso, in gewisser Weise einen Pakt mit dem Teufel einzugehen, so werden viele Künstler dies ohne Zweifel tun. Ohne ihre Kunst fehlte ihnen mehr oder weniger ihr Herz und ihre Seele.”

Der Mann blickte mich durchdringend an und schien über das gesagte nachzudenken. Das Grinsen, das er mir danach schenkte, schien beinahe schon diabolisch. “In der Tat eine wirklich sehr schöne Erklärung. Du nimmst bewusst in Kauf, von deiner Hingabe und Liebe in gewisser Weise auch verbrannt und verschlungen zu werden. Für viele ist das tatsächlich nicht nachvollziehbar. Für mich ist es das schon, kenne ich dich besser als irgendwer sonst.” Er grinste mich weiter an und wartete. Er wartete auf eine Antwort. “Wer sind Sie nun?”, fragte ich. “Wollten Sie es mir nicht verraten?” Langsam stand er mit seinem diabolischen Lächeln auf und verbeugte sich vor mir, ehe er mir die Hand reichte. “Meine Liebe. Du sprachst von deinen Dämonen, die jeder Künstler in sich trägt und akzeptieren, gar zum Tanz auffordern sollte. Daher möchte ich als dein Dämon dasselbe tun. Ich bin ein Teil von dir, deine Liebe, dein Feuer und deine Destruktivität, alles, was dich antreibt und zerstört. Und doch bin ich nur einer von vielen in dir. “Meinen Sie tatsächlich ernst, was Sie da sagen? Langsam verlässt mich wohl mein Verstand.” “Vielleicht ein wenig”, sagte er lächelnd, “doch ich bin keinesfalls nur eine Einbildung. Ich bin ein Teil deiner Persönlichkeit, deiner Sehnsüchte, Träume wie auch Ängste. Und doch mag ich dir einen Rat geben, den du besser beherzigen solltest. Für etwas zu brennen ist schön. Du solltest jedoch darauf achten, nicht ganz und gar zu verbennen. Und wenn du glaubst, du müsstest es tun, dann zumindest so, dass du am Ende behaupten kannst, alles herausgeholt und wahrhaftig gelebt zu haben. Noch suchst du deinen Weg in unserer Welt der Ordnung und Gesetze. Dies ist aber für ein wildes, ungezähmtes Herz nicht leicht.” Ich sah ihn an und reichte ihm trotz allem Widerwillen die Hand. Anfangs bezweifelte ich seine Worte; vor allem aber bezweifelte ich meinen eigenen Verstand. Nun aber war ich mir sicher, dass ich tatsächlich in einem Dialog mit mir selbst war. “Und was ist mit dem Teufel, wo ihr Dämonen scheinbar so präsent seid?”, fragte ich. Er zog mich hoch und sah mich eindringlich an. “Oh, meine Liebe, auch der Teufel bist du. Der Teufel ist im Grunde nichts weiter als eine Metapher, die all’ deine Ängste, Sorgen und Probleme umfasst. Der Teufel ist nichts weiter als der Verlust, die Versuchung und das Risiko, welche das Leben als Künstler immer wieder mit sich bringen. Doch Dämonen und Teufel können auch die Engel sein, die du suchst. Es kommt ganz auf deine eigenen Farben an”, sagte er.

“Diese Worte soll ich also glauben?”, fragte ich bestimmt.
“Es geht nicht um Glauben oder Nichtglauben. Du als Künstlerin müsstest es besser wissen, nicht wahr? Du musst es fühlen, um zu verstehen. Doch was sage ich? Ich bin nur einer deiner Dämonen von so vielen. Wenn du mehr wissen willst, frage die anderen. Lade auch sie zu einem Tanz ein, so wie du mich eingeladen hast. Und bevor du nun dein Bild vollendest, lass’ uns doch eine Weile tatsächlich tanzen. Dafür bin ich schließlich hier.”

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