Blau

“[…] Ich schaute auf die gleichmäßigen Züge ihres schlafenden Gesichts, lauschte ihrem Atem und sog den Duft ihrer unnachahmlichen Leichtigkeit ein. Sanft drückte ich ihren kleinen Körper an mich und strich ihr eine Strähne schillernden, blondes Haares aus dem Gesicht. Fasziniert schaute ich auf ihr friedvolles Gesicht und dachte zurück an die Zeit, in der ich selbst noch mein inneres Kind in den Buchten meiner Augen trug. Wie der Wind trug mich die Leichtigkeit zu jenen Menschen, die mich vergessen ließen und liebten. Besonders zu einem davon trug er mich leidenschaftlich wild, ein Bild von himmelsblauer Freude, gerahmt in weichem Gold. Von allen waren mir ihre Nähe und die sanfte Berührung ihrer Umarmungen das Liebste in jenem Meer aus nunmehr verblassten Farben. Ihr Lächeln schien heller als die Sonne im Zenit des Sommers selbst, ihre Augen herzlicher und freier als alle Meere dieser Welt. Mit schmerzendem und zugleich warmem Herzen blickte ich auf den kleinen Körper, der sich schlafend in meinen Armen zusammengerollt hatte. So vieles an ihrem wundervollen Wesen erschien mir gemeinsam mit diesem Bild aus alten Tagen, vom engelsgleichen Haar bishin zum so frei wirkenden Lächeln. Sacht lehnte ich mich zurück und blickte aus dem Fenster zu meiner Rechten: Ein strahlender Himmel klarsten Blaus ohne eine jede Wolke am Firmament. Sonnenlicht wärmte den kleinen Körper in meinen Armen und umfing mein Gesicht mit einem leisen Lachen. Der kleine Engel auf meinem Schoß war wie ein Abbild meiner Liebe aus so weit entferten Jahren, obwohl mir niemals vergönnt, niemals mehr erlaubt war, als diese wunderbare Frau nur aus einer Distanz heraus zu lieben.

Zwischen uns ruhte einstmals die Brücke einer tiefen und innigen Freundschaft, eine Brücke, welche niemals dazu bestimmt war, jene zwei Inseln wie Pole zueinander zu führen. Lächelnd blickte ich auf meine Tocher herab, die sich mit spielerischer Eleganz räkelte und nun verschlafen ihre Augen öffnete. Mit einem Lachen strahlten ihre Lippen durch das glänzende Blau ihrer Augen. Voller Liebe, wenn auch wehmütig, lächelte ich zurück und gab ihr einen Kuss auf die weiche Haut ihrer Stirn, ehe ich einmal mehr kurz aus dem Fenster blickte. Wie aus weiter Ferne schien die klare Stimme meiner Tochter zu mir hervorzudringen. “Was siehst du?”, fragte sie. Ich schaute gedankenverloren in den mir so geliebten Himmel, ehe ich ihr lächelnd eine Antwort gab. “Warme Erinnerungen, Schatz. So warm wie deine kleinen Augen, die jeden Tag für mich strahlen.” Obwohl ich sie nicht ansah, wusste ich, dass sie verwundert sein musste. Meine Tochter besaß jedoch wie jedes Kind dieser Welt noch immer jenen wunderbaren Instinkt, der vielen von uns im Laufe der Jahre verloren ging. Sie spürte, welche Art von Gefühle mich bewegten, lauschte geduldig mit ihrer Intuition und schwieg. Stattdessen ließ sie sich seufzend gegen die Lehne des Sofas sinken und blickte lächelnd aus dem Fenster. Berührt und traurig zugleich legte ich ihr meinen Arm um die Schultern, eine meiner wohl häufigsten Gesten, um die Liebe in mir den Menschen um mich herum zu zeigen. Meine Tochter ist so strahlend Blau wie jene Frau, die mich einst so innig berührte und bis heute in mir als Windhauch verweilt. Sehr wahrscheinlich wird niemals wieder je ein Mensch auf Erden noch einmal auf so herrliche, erhebende und klare Weise mein Herz berühren wie sie. Ihr goldblondes Haar weht vor meinen Augen mit dem Wind am Fenster vorbei, lächelnd und voller Freude, doch auch distanzierter denn je, ehe ich mich umdrehte und auf den Engel zu meiner linken schaute.

Meine Tochter war der Segen, der mich nun berührte und mehr beglückte als alles andere und ich wünschte sie wäre hier, um ein Teil dieser Herrlichkeit zu sein. Jenes Blau dieser zwei Menschen war das unsichtbare Band, das mich mit meiner vergessenen Liebe und dem Gegenwärtigen verband. Ein Windstoß drängte durch den Spalt der Schiebetür zum Garten und wehte verspielt herein. Nahezu voller Tatenkraft schwang die Tür in unsere Richtung auf und offenbarte den Weg zu meiner am meist geliebten Szenerie. Lächelnd ergriff ich die zarte Hand meiner Tochter und erhob mich. Diesen Weg würden wir zwei gemeinsam unser ganzes Leben mit Freude beschreiten.“
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