Sternenglanz

Inspiration war wie das Glas, welches in tausend kleine Stücke barst; nahezu schwerelos zerfiel es und glitt dabei langsam zu Boden, ohne sich zu verlieren. Für ihn, der dort stand und starrte, für ihn erschienen sie wie nichts als das, was sie waren, kleine Stücke und Splitter gebrochen wie die zarten Flügel eines Vogels. Er wusste, man würde sie fortfegen, zurück hinein in die Leere der Bedeutungslosigkeit und des Vergessens, wobei nichts weiter bliebe als der verebbende, leise Hall ihres steten Zerfalls. Dann aber, ich erinnere mich, kam die adrett gekleidete Dame, ihren Notizblock in Händen haltend, den wachen Blick auf das Scherbenmeer gerichtet. Sie schien mehr darin zu erkennen als der ausdruckslos starrende Mann. Mit einem Schimmern wie Sterne erfasste das lebhafte Wiesengrün ihrer Augen jeden einzelnen der kleinen Splitter, ganz so, als könne sie einen jeden von ihnen zu ihr sprechen hören. Was sie aufnahm oder dachte, war für mich nicht zu deuten; ihr Blick war ruhig und dennoch glänzend wie helles Sonnenlicht im Grün nasser Halme. Schließlich, als sie ging, hob sie manche von ihnen behutsam auf, ganz als wären sie die Sterne selbst. Beinahe erschien es so, als wolle sie sich ihres Glanzes erinnern – um ihn zu verwahren in einem Herz, wie es nur die Künstler besaßen.

Am nächsten Tag, so erkannte ich, sollte sich bestätigen, was ich zuvor mit Sicherheit nur annahm, als ich im örtlichen Laden für allerlei Kunst die Dame vom Vortag erblickte. Sie schien dem Besitzer einige Gemälde zu überreichen, von denen sie sagte, sie seien frisch gemalt. Schließlich, nachdem sie den Laden mit ebenselbem Glanz in ihren Augen verließ, trat ich interessiert ein und schaute auf ihre Werke. Es sollte sich herausstellen, dass sie eine im Ort bekannte Künstlerin ist. Ihr künstlerisches Schaffen schien nicht weniger lebendig als die Dame selbst, war eine jede Farbe liebevoll gesetzt und von leuchtender Intensität. Das letzte ihrer Bilder zeigte das Feuer der nächtlichen Sterne – und ich war einmal mehr darin bestärkt, am Tag zuvor nicht alleine den Sternenhimmel erblickt zu haben. Hier fand jede der Scherben ihre persönliche Widmung. So wie auch sie selbst zuvor gewidmet hatten.

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