Normalität

Eines Nachmittags unterhielt sich eine Frau mit dem Nachbarjungen. Beide trafen aufeinander, während der Kleine im Park auf einer Bank Pause vom Skaten machte und sie nach Hause ging. Die junge Frau setzte sich zu ihm. „Hallo! Wie geht es dir heute?“ Er sah sie an und antwortete mit einem Lächeln. „Gut, Miss. Danke!“ Kurz darauf jedoch schien er nachdenklich und in Gedanken versunken. Der jungen Frau entging dies nicht. So fragte sie ihn, ob ihn etwas beschäftige. Der Junge nickte. „Darf ich Sie etwas fragen?“ Sie blickte ihn aufmunternd an. „Sicher.“ „Haben Sie sich je gefragt, was genau am Normalen wie Wahnsinn ist?“ Erstaunt schaute sie ihn an. „Wahnsinn inwiefern denn? Kannst du es mir beschreiben?“ Er überlegte, ehe er nickte. „Ich denke, das kann ich. Wissen Sie.. ich meine, dass wir die Normalität manchmal verfluchen. Sie als wahnsinnig bezeichnen. Warum eigentlich? Jeder, der das macht, sieht unglücklich und verzweifelt aus, auch irgendwie kalt. Verstehen Sie, Miss?“ Erwartungsvoll blickte der Junge sie an. Die junge Frau lächelte milde und verständnisvoll. „Das, worüber du nachdenkst, beschäftigt viele. Eine wirkliche Antwort darauf kann ich dir nicht geben. Viele machen sich darüber Gedanken, teilweise derart viel, dass sie daran innerlich zerbrechen. Ich kann dir nur sagen, was ich selbst denke.“ Er rutschte auf der Bank herum, ehe er sie interessiert ansah. „Was denken Sie denn, Miss?“ „Das, was wir Normalität nennen, unser tägliches Leben, gibt es gar nicht wirklich. Es ist eine Fantasie in unseren Köpfen, die wie ein böser Geist dort ihr Unwesen treibt und dort Platz nimmt, wie wir auf dieser Bank. Vertreiben wir den Geist nicht, so bleibt er dauerhaft. Und dieser Geist heißt Normalität. Wir sehen im Leben und dem, was wir tun, nicht mehr das Besondere. Der Geist lässt uns abstumpfen. Normal ist bloß eine Illusion, glaube ich. Denn wenn du mich fragst, gibt es kein normal. In allem steckt etwas besonderes.“ Mit funkelnden Augen blickte er die Frau an. „Das klingt toll. Meinen Sie, es ist wirklich so?“ Die Frau kniff ihn spielerisch in den Oberarm, ehe sie lächelnd aufstand, um nach Hause zu gehen. „Meinen ist nicht wissen. Ich weiß es nicht; ich vermute nur. Was du dazu vermutest, liegt ganz bei dir.“

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