Verwischte Farben [1. Teil]

Mir war kalt, als ich an diesem Abend auf dem Heimweg durch die graue, trostlose Shoppingmeile der Stadt lief. Eisiger Regen lief durch meine Haare und durchnässte meine Kleidung, während ich auf dem gepflasterten, alten Weg daherlief, ohne auf die Pfützen zu achten, welche vor meinen tauben, schweren Füßen auftauchten. Leise schmatzten die alten, völlig nassen Schuhe mit jedem Schritt, während ich mechanisch einen Fuß vor den anderen setzte. Es war ein nerviger, stressiger Tag, trostlos und ohne wirkliche Highlights, ohne einen Anlass, mich einmal wirklich zu freuen. Genervt spuckte ich die durchgeweichte Zigarette in meinem Mund in den nächstbesten Mülleimer. Rauchen konnte ich hier draußen bei diesem Regen vergessen. Müde und frierend ließ ich meine steifen Hände in die Taschen meiner Jacke gleiten, den Blick auf die Menschen um mich gerichtet. Gelangweilte, hektische und blutleere Mienen wohin man sah, wie leergesaugt und ausgehöhlt. Sie allesamt betrachtend kamen sie mir weitaus lebloser vor, als ich es selbst war. Tote, maschinengetriebene Zombies ohne wirkliche Freude, ohne wirkliches Leben, bloß einen Fuß vor den anderen setzend für die Pflicht, ihr sogenanntes Leben, das Geld, Erwartungen und ein verdammtes Dach über dem Kopf. Hat diese Welt einen Sinn für Zynismus. Ob Buddha dabei Lotusblüten und Nietzsche Spott gekotzt hätte? Ich wusste es nicht zu sagen. Nur das Plätschern des Regens, die Schritte und Stimmen der Leute ― mehr wollte dieser zum verrecken großartige Tag mir nicht sagen. Wie ein Kaugummi bearbeitete ich meine Unterlippe. Diese heruntergekommene, graue alte Stadt passte zu den Menschen. Graue Herzen, graue Mienen, graue Seelen. Ein Einheitsbrei ohnegleichen. Derweil ich mir die Jacke fester zuzog, damit der Regen wenigstens nicht an meinem dürren, kalten Hals herrunterläuft wie Suppe und mir direkt an die Haut geht, rauschte an mir ein Briefträger mitsamt Fahrrad vorbei. Völlig abgehetzt und nass versuchte er mühsam, sein Fahrrad durch die Menschenmenge zu lenken, ohne dabei umzufallen. Als er anhalten wollte, passierte es schließlich trotzdem. Das vordere Rad rutschte weg, ließ das ganze Fahrrad kippen und begrub den Mann unter sich wie eine Teigrolle Kuchenteig. Die Briefe aus der Posttasche fielen in den nassen Regen und wirkten größtenteils binnen weniger Sekunden wie ertränktes Toilettenpapier. Verzweifelt fluchte der Mann und rappelte sich unter dem Rad auf, während er hektisch versuchte, die Briefe vor dem Regen zu schützen. Vergeblich. Die Menschen drumherum schien es nicht zu kümmern, dass der Mann dafür ernsthafte Probleme kriegen könnte. Desinteressiert oder ihre Blicke schnell abwendend, liefen sie allesamt einfach weiter. Niemand wollte ihm für diesen kurzen Moment eine Hand reichen und helfen, die auf dem Boden verstreute Post aufzusammeln. Und was, wenn es mal eure Post ist, verdammt? Es war ein typisches Rudelverhalten, gleichgültig für Einzelschicksale und Seelen, denen genauso gut jeder andere helfen konnte. Wenn sie wollten. Ich spie aus. Egal wie oft ich es auch sah und wohl noch sehen würde: Am liebsten hätte ich gekotzt vor Ärger und Abscheu. Ob Nietzsche mitgekotzt hätte? Ich lief mit meinen durchnässten, schmatzenden Schuhen auf den Mann zu, der mich offenbar kommen sah. Sein Befinden stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Lassen Sie mich Ihnen helfen.“ „Die Briefe…“ Er stockte. „Ich weiß. Tut mir Leid, dass das passiert ist.“ Ich bückte mich und sammelte die Briefe auf, von denen viele nur noch hoffnungslos nasses Toilettenpapier waren. „Ich danke Ihnen. Das wird Ärger geben.“ Ich reichte ihm die gesammelten Briefe, welche er hastig in der Posttasche verstaute ― und darauf hiflos die vollkommen durchnässten in der Hand behielt. „Hier. Ich habe eine Tüte. Mehr kann ich Ihnen für die da nicht anbieten.“ „Danke.“ Er nahm die Tüte und steckte die Briefe hinein, ehe er das Fahrrad aufstellte und die Tüte um den Lenker band. „Den Ärger hätte man mindern können. Die Leute hätten Ihnen einfach mal helfen können und ihr Arbeitgeber hätte sie mit der Bahn statt mit dem Rad losfahren lassen können.“ Scheinbar dankbar, aber immer noch frustiert, sah der Mann mich schließlich an. „Wenn es so wäre.“ Er seufzte. „Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe. Sonst hätte ich jetzt mehr unzustellbare Briefe.“ Ihm zunickend, verabschiedete ich mich und ging weiter. Typisch. Wie immer. Es war alles, was mir durch den Kopf ging, als ich schließlich wie zuvor durch die heruntergekommene, graue Shoppingmeile lief. Immerhin der Regen ließ langsam nach, während ich steif wie ein Eiszapfen weiter die dürren Beine vorwärts bewegte. Nass genug bin ich ja. Ich griff nach der verbeulten Zigarettenschachtel in meiner Jacke und zündete mir triumphierend eine an. Das tat gut.
Als ich am nächsten Morgen dem kreischenden Lärm des Weckers nachgab und gegen 6:00 genervt aufstand, spülte ich wie ein Roboter sein Öl den notorischen, heißen Aufwachkaffee hinunter, damit der Koffein mich halbwegs wach machte. Zähneknirschend aß ich Toast mit Spiegelei, wusch mich und zog unbequeme, arbeitstaugliche Klamotten an, die sich anfühlten wie eine Ganzkörperzwangsjacke für Arme. Ich nahm meine Umhängetasche mit dem Arbeitskram, stopfte Toastbrot, Wasser und Kaugummi hinein, ehe ich mir die Schlüssel packte und meine Wohnung verließ. Die Mietwohnung war klein, eng und eher dürftig eingerichtet. Der Flur roch wie meistens nach Hundescheisse, hielt es die Nachbarin scheinbar trotz Beschwerden beim Vermieter nicht für nötig, ihren Hund Abends nochmal nach draußen zu lassen. Auf eine Wiese kacken lassen, nicht in den Hausflur. So herrlich fängt dein Tag an, ja verdammt. Auf dem Gehweg vor dem Haus angekommen, spie ich aus und griff nach der Schachtel Zigaretten in meiner Tasche. Wie ein Junkie steckte ich mir highspeedartig eine an und zog gierig an ihrem Ende, ehe ich den stinkigen Zigarettenrauch durch die Lippen in die kühle Morgenluft stieß. Eine Abhängige. Doch irgendwie muss man diesen ganzen Trott Tag für Tag ertragen. Andere trinken, andere nehmen Koks und Speed. Ich rauche. Während ich dem Gehweg in Richtung Bahnhof folgte, schnippte ich die Überbleibsel meiner Zigarette in Richtung Mülleimer. Stinkender Autosmog und Lärm lagen in der Luft. Es ist wie immer. Die übliche Hamsterradroutine. Ich ging am örtlichen Kiosk vorbei und überflog die Schlagzeilen der verschiedenen Tageszeitungen, indes ich darauf wartete, dass die Besitzerin mir meinen Coffee To Go bringt. „Anschlag auf Militärbasis. 27 Tote vermutet.“ „Skandalwahlen. Neue schockierende Details enthüllt.“ „Wirtschaftskrise: Neue Diskussion um…“ Angewidert wandte ich mein Gesicht ab und spielte mit dem Geld in meiner Hand. Immer das gleiche Drama. Als ob es eine Rolle spielte, wann man Zeitung liest. Im Grunde könnte man es sich sparen. Ich sah, wie die Kioskbesitzerin mit meinem Coffee To Go erschien und diesen vor mir abstellte. Ich legte das Geld vor ihr ab und nahm ihn. Dankend wünschte sie mir einen schönen Tag. Während ich mich umdrehte und den angenehmen Duft des warmen Kaffees in meinen Händen genoss, schlug die Ampel an der Kreuzung auf Grün für die Fußgänger um. Mit zügigen Schritten lief ich über die Straße, ehe ich erneut auf dem Gehweg angekommen gemächlichen Schrittes weiterging und den Geschmack des Koffeins genoss. Zehn Minuten später blieb vom warmen Kaffee nur noch die Wärme im Magen und ein leerer Becher, den ich am Bahnhof in den nächstbesten Mülleimer schmiss. Laut dröhnte der nahende Zug, ehe er mit einem lauten Grunzen am Bahnsteig halt machte. Wie die Ameisen liefen die Leute auf die offenen Türen zu und stiegen ein, bevor sie schließlich alle mit leeren, müden Blicken die Zeitung studierten oder Löcher in die Fensterscheiben starrten. Genervt vom täglichen, unfreiwilligen Gruppenkuscheln stellte ich mich an die Tür und hielt mich an einer Stange fest. Der Mann neben mir hatte gefährlich viel Aftershave benutzt, während die zwei Teenies wie hypnotisiert auf den kleinen Bildschirm ihres Smartphones starrten und gelegentlich darauf herumtippten. Es schauderte mich bei diesem Anblick. Wie Untote, Abgerichtete. Gerade die jüngere Generation könnte ohne diese Dinger wohl nicht mehr leben. Als hätten sie gehört, was in meinem Kopf vorging, starrten mich die zwei Mädchen mit steifen Mienen an, ehe sie nach einem kurzen Blick aus dem Fenster erneut auf ihr Smartphonedisplay starrten. Am liebsten wäre ich ausgestiegen und hätte alledem abgeschworen, doch ich war Teil dieses Hamsterrades, über das ich mich jeden Morgen mit dem Gang aus dem Haus so sehr beschwerte. Festgeschweißt, eingegliedert, und doch wie ein abstehender, verformter Knochen, der nicht wirklich ins Bild passte. Du könntest schreien. Doch was ändert das? Indes die Leute mit ihren blutleeren, müden Mienen nach und nach ausstiegen, hörte ich, wie die nächste Station per monotoner Lautsprecherstimme angesagt wurde. Gleich würde ich am Schreibtisch sitzen, das Schmatzen und Gerede meiner Kollegin am Nachbartisch hören, während mein Chef den Schreibtisch mit Unterlagen flutet, lautstark meckert und mir ständig Druck macht, damit der ganze Kram schnellstmöglichst fertig wird, weil ihm alles verdammt nochmal zu lange dauert. Mit wenig erstrebenswerter Begeisterung verließ ich den Zug, als dieser hielt und mich mit dem Öffnen der Türen in die kalte, stinkige Stadtluft entließ. Gewohnheitsmäßig vergrub ich die Hände in den Jackentaschen, während ich die Treppe hinunterlief und durch die alte, miefige Tunnelunterführung lief, welche unmittelbar in meine heißgeliebte Shoppingmeile führte. Die Wände waren voller Graffities, alten Kaugummis und etlichen dahingekritzelten Beleidigungen, die sich locker in nahezu jeder Sprache wiederfanden. Herrliches Flair. Während mir gefühlt der Geschmack alter Pisse auf der Zunge lag, griff ich mit der rechten Hand in meine Umhängetasche und zog ein Kaugummi raus. Angewidert vom Geruch bearbeitete ich den dünnen Streifen zwischen meinen Zähnen wie ein Metzger sein frisches Fleisch. Erleichtert atmete ich aus, als ich schließlich am Ende der Treppe ankam und erneut von der grauen Stadtbetonlandschaft begrüßt wurde. Mit züzigen Schritten steuerte ich auf eine Seitenstraße zu. Hier war es ruhiger und wesentlich angenehmer zu laufen, gingen die Meisten durch die große Fußgängerzone, um wie ein Fisch an den Schaufenstern der noch geschlossenen Geschäfte zu kleben oder müde auf Frühstücksbrötchen beim Bäcker herumzukauen, ehe ihr Berufsalltag sie einholte. Kaufen kann man nie früh genug. Derweil ich mich durch die Seitenstraßen schlängelte und mein mittlerweile geschmackloses Kaugummi bearbeitete, sah ich, wie ein Mädchen um die Straßenecke unmittelbar auf mich zugerannt kam. Unsanft stießen wir zusammen, ehe die Kleine auf den Po fiel und ein leises „Autsch“ nuschelte. Ich blickte zu ihr herunter und sah sie an. „Oh. Tut mir Leid, tut mi…“ Beruhigend hob ich meine Hand. „Schon in Ordnung. Hast du dir wehgetan?“ Das Mädchen stand langsam auf, während sie das Gesicht verzog und versuchte, trotz des Monstertornisters auf ihrem Rücken ihren Po zu begutachten. Ohne Erfolg. „Das geht schon.“ Sie bemühte sich, trotz allem freundlich zu lächeln. Wirklich klappen wollte es scheinbar nicht. „Warum warst du überhaupt so in Eile? Du solltest besser langsam laufen, bevor du dir wirklich wehtust.“ Nur zögerlich blickte sie mich an, ehe ihr Blick auf dem Boden zu ihrer Rechten haften blieb. „Das weiß ich ja und das würde ich auch gerne, aber… sie ärgern und hauen mich ständig, obwohl ich ihnen nichts getan habe.“ Sie zog ihre Jeans bis zu den Knien hoch und zeigte mir dünne Beinchen, die von blauen Flecken übersät waren. Dazwischen klebten einige Pflaster, die sich stellenweise bereits lösten. „Alles, weil ich immer wegrennen muss.“ Sie verzog ihren kleinen Mund und schien sich dafür zu schämen. „Deine Mitschüler sind also gemein zu dir, ja?“ Sie schaute kurz zu mir herüber, bevor der Blick erneut in Richtung Boden glitt. „Ja. Aber machen Sie sich keine Gedanken, große Frau. Eigentlich können sie alle nett sein. Sie wissen nur nicht, dass es nichts bringt, so gemein zu sein und so grau.“ „So grau?“ Die Kleine war irgendwie interessant, auch wenn ich selbst nicht wusste, warum. Ein kleines, von blauen Flecken übersätes Mädchen. Aber eins, das Charakterstark wirkt trotz Schikanen, in dem Alter? Erzähl‘. Ich blickte die Kleine an und wartete, bis sie mir eine Antwort gab. Sie überlegte einen Moment, was sie antworten sollte, ehe sie zu mir hochsah. Als ihr Blick schließlich auf meinen traf, war von Scham und Unsicherheit nicht mehr viel zu sehen. „Naja. Sie machen nach, was sie sehen und hören. Wie Schauspieler eben, nur täglich. Eigentlich wissen sie aber nicht, dass sie nachmachen. Das kann man ihnen nicht übel nehmen. Viele sind so. Unsere Stadt ist irgendwie so grau wie die ganzen Menschen. Aber eigentlich ist da noch viel Farbe. Das weiß ich.“ Spätestens jetzt begann die Kleine mich wirklich zu faszinieren. Ich hörte auf, mein Kaugummi zu bearbeiten und sah dieses kleine Mädchen genau an. Erzähl‘ mir mehr. Wen interessiert schon die verdammte Arbeit. Das hier ist interessant! „Die Stadt ist wirklich ziemlich trist, Kleine. Das finde ich auch. Aber wo ist die Farbe? Frage ich mich oft, selbst als eine erwachsene Frau.“ Ich blickte das Mädchen an und hoffte, sie würde auch darauf antworten. Während ich sie ansah, begann sie ihren Arm zu heben und zu grinsen. „Hier ist die Farbe.“ Mit einem breiten Lachen schaute mich das Kindergesicht strahlend an, während sie mit einer dünnen, kleinen Hand auf ihre Brust tippte. Genau dort, wo unser mechanisiertes, angepasstes Herz schlägt. „Die meisten Menschen bilden sich das Grau ein. Da ist die Farbe. Und mit Stiften kann ich auch noch malen. Das ist das Schöne!“ Lachend begann die Kleine wie ein Flummi auf der Stelle zu hüpfen, ehe ihr Blick auf ihre pinke Armbanduhr fiel und sie abrupt stehenblieb. „Oh. Ich muss weg. Gleich fängt die erste Stunde an. Sonst schimpft die Lehrerin mit mir! Tschüss, große Frau!“ Als sie sich flink auf der Stelle drehte um loszulaufen, fasste ich sie vorsichtig an der Schulter. „Warte mal. Bevor du losläufst, guck‘ besser, wo du hinläufst.“ „Mach‘ ich.“ Während dieses kleine Mädchen davonlief, rief ich ihr noch einmal hinterher, warum auch immer. „Pass‘ auf dich auf, Kleine!“ Nachdem ich schließlich selbst weiterging und über dieses komische Gespräch mit dem fleckigen, grinsenden Mädchen nachdachte, hätte ich mich fast am Kaugummi verschluckt. Was kleine Menschen doch für Sachen in sich tragen. Ich spie aus und griff nach einer Zigarette. Vom Kopf zermalmen und grübeln würde ich wohl nicht mehr so schnell loskommen. Und als ich merkte, dass ich selbst so etwas tat wie lächeln, hielt ich mich selbst für verrückt.
(2. Teil)
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