Wie der Sommerwind

Die kleine Liz streckte ihre Hand zum Himmel hinaus, während im warmen Licht der langsam untergehenden Sonne Schmetterlinge um ihren Kopf kreisten. Ihre bunten, kunstvollen Flügel schwangen und tanzten in all ihrer Pracht, während das Mädchen lachend hinter ihnen herlief. Es war ein angenehmer, warmer Sommertag auf den Feldern, und barfuß wie Liz war, fühlte sich jede Berührung mit dem Boden wie eine sanfte Streicheleinheit an. Das Gras raschelte und bog sich unter ihren Füßen, während der Wind mit ihrem Haar spielte und alles um sie herum ebenso lebendig tanzen ließ wie die vielen Schmetterlinge in der Luft. Lachend hüpfte und rannte sie hinter ihnen her, während ihre kleinen Hände immer wieder versuchten, nach ihnen zu greifen. Unbeirrt flogen die Schmetterlinge voller Eleganz weiter, ließen sich auf den bunten Blumen um sie herum nieder, erhoben sich von neuem und trieben im Wind wie kleine Herbstblätter vor ihrem Gesicht. Das kleine Mädchen folgte einigen der Schmetterlinge zum Bach in der Nähe, wo sie sich schließlich auf besonders prachtvollen Blumen niederließen. Wie ein lebendiges, farbenfrohes Kunstwerk präsentierte sich das Feld im orangefarbenen Licht der spätnachmittaglichen Sonne. Der Anblick raubte ihr den Atem und entlockte den kleinen Kinderaugen ein funkelndes, verträumtes Glänzen. Von Rot bis Blau, von Gelb bis Violett, von Orange bis Weiß präsentierten sich ihr alle möglichen Farben in ihrer gesamten Pracht. Die Schönheit der Natur bestaunend, lief sie langsam hinunter zum Bach und hockte sich in unmittelbarer Nähe ins Gras, um von neuem die kleinen, bunten Schmetterlinge zu beobachten. Wie Farbkleckse, die schon immer Teil der Blumen waren, saßen sie still da und bewegten gelegentlich ihre zarten Flügel, als forderte sie der Wind dazu auf, sich seinem Spiel zu fügen. Sanft wehte ihr der warme Sommerwind ins Gesicht. Liz beobachtete, wie er nahezu lieblich und sanft mit dem hohen Gras spielte, es wiegte und bewegte, als wären Wind und Wiese ein Tanzpaar. Fasziniert lächelte sie und schaute, wie die Schmetterlinge auf den warmen Wind reagierten, der in ihre Richtung wehte und ebenso die Blumen sanft in Bewegung versetzte. Sie schienen sich nicht weiter daran zu stören, was nicht verwunderte, warm und freundlich, wie er die Kleine und alles um sie herum berührte.
Liz erinnerte sich an damals, als ihr Vater noch lebte und oft mit ihr zu diesen Feldern kam. Stets staunte sie über ihre Schönheit und Pracht, während ihr Vater lächelnd schwieg und dem Wind lauschte, ehe sie laut zu lachen begann und ihm viele Fragen zu den Tieren und der Natur stellte, welche er stets geduldig beantwortete. Sie wusste bereits als kleines Kind, dass ihr Vater krank war, weshalb sie sich daran erinnerte, wie sie ihn eines Tages fragte, wie lange er noch so mit ihr durch die Natur streifen würde. Daraufhin wurde er still und schien mit seinen Augen an einen weit entfernten Ort zu blicken. „So wie jetzt nicht mehr lange, meine Kleine. Papas Zeit läuft bald ab. Doch sei nicht traurig. Selbst wenn ich nicht mehr hier stehe, dich auf meinen Schultern trage und dir auf deine vielen Fragen antworte, wann immer du mit mir sprichst, so werde ich niemals wirklich verschwinden. In Zukunft werden wir anders gemeinsam durch diese prachtvollen Felder gehen. Und ich werde dir auf andere Art und Weise antworten.“ Daraufhin lächelte er nur schweigend und tat so, als hätte jenes Gespräch nie stattgefunden.
Die Kleine hatte nicht wirklich verstehen können, was ihr jene Worte sagen sollten. Sie lauschte dem Rauschen des Windes, dem Treiben des Wassers, schaute auf die immer kleiner werdende Sonne und hörte doch nichts, was wie die Stimme ihres Vaters klang. Mit nachdenklichem Blick schaute das kleine Mädchen zu den Schmetterlingen, die noch immer reglos und still auf den bunten Blumen verharrten. Ob du wohl auch siehst, wie die Sonne jetzt leuchtet? Während sie darüber nachdachte und sich wie schon so oft fragte, was ihr Vater mit jenen Worten gemeint haben könnte, begann der zuvor leichte Wind ihr kräftig um die Ohren zu pfeifen. Die vielen Schmetterlinge erhoben sich und flogen erneut in den nun rötlich leuchtenden Himmel, während das Gras und die vielen Blumen sich seiner unsichtbaren Berührung beugten. Kurz darauf hörte Liz ein Plätschern und erkannte, wie die kleinen Fische im Wasser auf und ab hüpften. Plötzlich fiel ihr wieder ein, was ihr Vater noch zu ihr sagte, ehe er verstarb. „Wenn im Abendrot die schönen Schmetterlinge davonfliegen und die kleinen Fische springen, dann weißt du, dass ich dort bin.“ Nichts liebte sie mehr als das Abendrot des Sommers, wenn alle Natur sich langsam zur Ruhe begab und ein letztes, kleines Lied zum Abschied des Tages spielte, wenn alle Tiere im schwächer werdenden Sonnenlicht verschwanden und alles bunte Leuchten sich mit ihm bis zum Morgengrauen schlafen legte. Ihr Vater liebte diesen Anblick ebenso sehr, wie sie es tat, und stets trug er jenes Funkeln in den Augen, welches Liz selbst trug, wenn sie in diesen Feldern spielte. Als sie daran dachte, musste die Kleine lachen. Wahrscheinlich wollten die bunten Schmetterlinge, dass ich ihnen nachlaufe. Am Bach wartet Papa immer. Nun legt er sich auch schlafen, wie die Fische und das Gras, wie die Schmetterlinge und die Blumen. Und der Wind wehte ein letztes Mal, ehe alle Schmetterlinge fort waren, das Plätschern des Wassers verstummte und alle Blumen zu tanzen aufhörten. Ihre Farben und ihre Klänge jedoch würden verbleiben – im Herzen des kleinen Mädchens.
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