Das wichtigste Geschenk

Es schneite an diesem Tage, als die kleine Lara sich nach ausgiebigem Toben im Schnee auf dem Teppich vor dem Kamin niederließ. Sie nahm ihre liebsten Spielsachen und beschäftige sich mit ihnen. Eine Weile später kam ihre Mutter zu ihr und brachte ihr einen warmen Kakao. Dieser schien sie jedoch nicht zu interessieren. Grübelnd schaute sie ihre Tochter an. „Was ist los, Lara?“, fragte sie. „Magst du keinen Kakao trinken? Sonst trinkst du ihn doch auch so gern‘.“ Lara blickte ihre Mutter nicht an und haute das Plüschpony in ihren kleinen Händen immer wieder auf den weichen Teppich. „Nein. Ich mag jetzt keinen Kakao“, grummelte sie. „Der macht meine Laune auch nicht besser.“ Sie zog einen Schmollmund und haute ihr Pony weiter konzentriert in die weißen Teppichfussel. Schmunzelnd schaute die Mutter auf ihre Tocher. „Warum hast du denn keine gute Laune?“ Nun ließ die Kleine das Pony in ihren Händen ruhen und blickte flüchtig zu ihrer Mutter. „Du hast kaum Zeit im Moment, und Papa auch nicht. Alles wegen Weihnachten.“ „Aber Weihnachten ist doch toll“, antwortete ihre Mutter. „Es ist für Mama und Papa vielleicht etwas stressig, und viel Zeit haben wir dann auch erstmal nicht für dich, aber später gibt es dafür doch tolle Geschenke, oder?“ Lächelnd blickte die Mutter ihre kleine Tochter an. Diese erwiderte das Lächeln nicht. „Ich will keine Geschenke“, sagte sie und stand auf. „Weihnachten ist doof!“ Und noch während sie diese Worte sprach, lief sie mit schnellen Schritten hoch in ihr Zimmer.
Als die Mutter am Abend alle Vorbereitungen für Heiligabend abgeschlossen hatte, ging sie zu ihrer Tochter. Sie klopfte an ihre Tür. „Darf ich reinkommen?“ Keine Antwort kam. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Noch immer mit schmollendem Gesichtsausdruck, saß ihre Tochter still auf dem Bett und las ein Kinderbuch. Sie blickte nicht auf, als ihre Mutter hereinkam. „Noch immer wütend?“, fragte sie. Langsam ging sie auf das Bett ihrer kleinen Tochter zu und setzte sich auf die Bettkante. „Warum ist Weihnachten denn doof?“ Geduldig wartete die Mutter auf eine Reaktion. Eine Weile blieb es still, ehe ihre Tochter ihr eine Antwort gab. „Ihr habt kaum Zeit“, sagte sie. „Und wenn alle da sind, seid ihr nur nett, weil ihr es sein müsst.“ Irritiert blickte sie ihre Tochter an. „Wie kommst du denn darauf, Kleines?“ Nun wirkte die kleine Lara empört. „Na, ihr tut immer alle nett und freundlich, aber eigentlich seid ihr genervt, weil ihr immer so viel machen müsst. Ihr lauft immer nur herum und macht irgendetwas, aber ihr habt keine Zeit. Geschenke machen den Tag auch nicht schöner. So will ich keine Weihnachten.“ Sie versteckte sich hinter ihrem Buch. „Aber wir haben dich und deine Verwandten doch lieb“, antwortete ihre Mutter mit leichter Verzweiflung in der Stimme. „Aber nicht so!“, schrie sie entschieden und warf ihr Buch in die Ecke. „Und deswegen ist Weihnachten doof. Weil Geschenke Liebe machen sollen. Aber das können sie nicht!“ Mit wütendem und gleichzeitig traurigem Gesicht ging ihre Tochter an ihre große Spielkiste. Sie sagte nichts mehr und blickte ihre Mutter auch nicht mehr an, ehe diese schließlich irritiert das Zimmer verließ.
Am nächsten Morgen war Heiligabend. Die Mutter war schon früh auf den Beinen, als sie in die Küche ging und noch einige Vorbereitungen für den Abend traf. Während sie den Tisch abräumte, um ihn festlich zu dekorieren, entdeckte sie unter der Vase eine gemalte Weihnachtskarte. Ganz offensichtlich hatte ihre Tochter sie dort versteckt. Sie öffnete die Karte und sah, dass sie ebenfalls etwas dazu geschrieben hatte. „Für Mama und Papa. Ich möchte eine tolle Weihnachszeit mit euch haben und viel Spaß. Ich habe euch ganz doll lieb.“ Während die Mutter jene Worte las, wurde ihr klar, warum Lara im Gegensatz zu anderen Kindern Weihnachten alles andere als toll fand. Was ihr fehlte, war ein besonderes Geschenk, unkäuflich, aber doch ohne Zweifel das Wichtigste von allen. Und so beschloss sie, sich nicht weiter zu intensiv mit Vorbereitungen zu beschäftigen. Stattdessen weckte sie ihren Mann und deckte leise den Tisch für ein gemeinsames Frühstück. Alles andere konnte getrost warten ― vor allem der Stress, der ihr jedes Jahr so lange die Zeit für das Wesentliche nahm: Die Liebe und Familie.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s