Von Macht und innerer Kraft

Taryn, Herr der Frostfangwölfe, ging des Nachmittags gemeinsam mit seinem Rudel zum nahegelegenen Fluss, den Größten im gesamten Waldland. Früher oft Sammelpunkt vieler verschiedener Tiere und anderer Rudel, war er oft umkämpft und getränkt vom Blut vieler Tiere. Seine Ahnen setzten jenem Kämpfen und Blutvergießen ein Ende, und so geschah es, dass die Frostfangwölfe seit nunmehr 3 Generationen diesen Fluss ihr eigen nannten. Alle Tiere durften von seinem Wasser trinken, verschmutzten sie ihn nicht und hielten sich an das ihnen auferlegte Kampfverbot. Als Taryn nach seinem Sohn, genannt Kyrek Jungfrost schicken ließ, um mit ihm gemeinsam Fische zu fangen und seine Instinkte zu schulen, bemerkte er, wie sich auf der anderen Seite des Ufers ein ihm fremder Geruch über das Land legte. Dieser behagte ihm nicht, und so legte er die Ohren an und ließ seinen Blick wachsam auf den Hügelausläufern des anderen Ufers ruhen. Dem Rudel entging das Verhalten ihres Herren nicht, und so hielten auch die anderen Wölfe inne und blickten hinüber. Langsam aber hörbar näherte sich eine größere Gruppe von Tieren, zahlenmäßig wohl in etwa so groß wie das seine Rudel. Taryn lauschte weiter. Auf die Schritte folgten schließlich zahlreich Schemen an der Spitze des Hügels. Was sich ihnen am Ende zeigte, waren etliche von Wölfen. Fremde Wölfe, in einem großen Rudel noch dazu. Niemals zuvor wagte sich ein fremdes Rudel hierher. Mit sicheren, selbstbewussten Schritten lief ein großer Wolf voran, von stolzer und mächtiger Statur, mit zwei Narben über dem rechten Auge und einem halb fehlenden Ohr. Ganz ohne Zweifel war er der Rudelführer. Taryn ahnte, dass er bereits viele Kämpfe ausgetragen hatte und eine große Stärke in sich trug. Seinem Rudel waren große Kämpfe auf Leben und Tod fremd, legten sie Wert auf ein möglichst friedvolles Miteinander. Schließlich machte das fremde Wolfsrudel am Ufer halt. Ihr Herr blickte zu ihnen hinüber und begann zu sprechen. „Wer auch immer euer Herr sein mag, dem mögen wir verkünden, dass nun wir von diesem Wasser trinken, uns hier niederlassen werden. Solltet ihr nicht gewillt sein, uns gewähren zu lassen und dieses Gebiet zu überlassen, so werden wir Weißfänge mit Gewalt darauf Anspruch erheben. Mein Rudel sucht eine neue Heimat, und diese wird es hiermit bekommen. Ich, Urek Weißfang, beanspruche hiermit diesen Fluss mitsamt seinen Fischen und dem umliegenden Waldland als das Unsere!“ Das Rudel der Weißfänge jaulte laut und gab seine Zustimmung kund. Taryn gefiel die Situation nicht. Er ahnte, dass ein Kampf unausweichlich sein würde, kann er ihren Herrn nicht von einer friedlichen Lösung überzeugen. Sein Vater wie auch seines Vaters Vater und deren Ahnen lebten das Prinzip des Kampfes ohne Blutvergießen und Tod. Er war nicht gewillt, jenen Familienpfad nun zu verlassen. Für seinen jungen Sohn Kyrek würde heute ein prägender Tag werden, doch ebenso für das gesamte Rudel. Dessen war er sich sicher. Ruhig trat er einen Schritt vor seinen Sohn, weiter in den Fluss hinein. „Ich bin Taryn Frostfang, Herr dieses Rudels und Behüter dieses Gebietes. Seit 3 Generationen wurde hier für Wasser und Fisch kein Blut mehr vergossen, und auch nun gedenke ich daran nichts zu ändern. Die Bewohner dieses Gebietes leben überwiegend friedlich zusammen, ohne unnötigen Kampf und Blutvergießen. Drum bitte ich als Frostfang dich, den Herren der Weißfänge, um eine friedliche Lösung. Dieses Wasser und seine Fische können auch das Eure sein. Warum sollen wir beide erst mit Blut benetzen? Lasst uns eine gemeinsame Lösung finden, im Namen beider Rudel.“ Weißfang schnaubte. „Friedlich? Weißt du, worum du bittest?! Mein Ahne war Ukah Weißhaupt, größter Kriegsherr des Weißfanggebirges. Ich folge seinem Ruf! Zwei Rudel für einen Fluss? Als ob dies ginge! Kämpfe für deines, ich für meines. Nur der Sieger wird hier verweilen. Ich verhandle aus Prinzip nicht, Frostfang! Ich kenne das Leid des Teilens und Miteinanders. Durch beides haben wir zu vieles verloren.“ Das Rudel jaulte klagend. „Ich gedenke nicht, denselben Fehler noch einmal zu begehen. Kämpfe oder ziehe von dannen.“ Urek begab sich ins Wasser und sah ihn aus funkelnden Augen heraus an. Taryn wusste, dass er ihn nicht würde umstimmen können. Das Schicksal der Weißfänge sprach gegen eine friedliche Lösung. Doch töten und unnötig Blut vergießen wollte er nicht. Er sah hinüber zu seinem Rudel, mit dem er seit so vielen Jahren lebte und Freude wie Leid teilte. Er wollte ihnen den Geschmack von Blut und Tod ersparen. Taryn fasste einen Entschluss und trat vor. „Dann werde ich gegen dich kämpfen. Doch töten werde ich dich nicht, sollte ich gewinnen.“ „Um mich mit dem Geschmack der Niederlage leben zu lassen und das Prinzip, nach dem du lebst, aufrecht zu erhalten? Versuch‘ es! Ich zeige dir, dass es nicht immer so friedlich verlaufen kann.“ Und so begaben sich beide auf das kleine Stück von Land, welches inmitten des Flusses aus dem Wasser herausragte. Urek trat vor Taryn und bäumte sich auf. Seine Muskeln spannten sich sichtbar, sein Körper wirkte noch größer und muskulöser als bereits zuvor, ihn zu einem eindrucksvollen Rudelführer und Wolf machend, der Autorität ohnegleichen ausstrahlte. Er erinnerte so mehr an einen jungen, wilden Bären denn einen Wolf mittleren Alters. Mit Körperkraft alleine würde Taryn nicht gewinnen, dies wusste er. Sein Gegner war ein weitaus kräftigerer und kampferprobterer Wolf, als er es jemals war, noch je sein würde. Auf die Kraft seines Verstandes und Herzens wollte er vertrauen. So spannte auch er seine Muskeln an und begab sich in Kampfstellung. Nun gab es kein Zurück mehr.
Beide umkreisten einander zähnefletschend, den anderen stets im Auge. Nur das Knurren und Knirschen ihrer Zähne war neben dem Rauschen des Wassers zu hören. Urek schien von jenem Spiel gelangweilt. Bedrohlich knurrte er und zeigte seine Zähne, ehe er mit wahnsinnig schnellem Tempo auf seinen Gegner losging. Taryn blieb nicht viel Zeit, um zu reagieren. Zähne gruben sich in sein linkes Bein, ehe er mit seinem Schwanz nach Ureks Gesicht schlug. Dieser jedoch ließ so schnell nicht von ihm ab und schnappte nun nach seiner Kehle. Taryn wich zurück. Seine einzige Möglichkeit, Urek für einen Augenblick unachtsam werden zu lassen war, für einen kurzen Moment durch Dreck seine Sicht zu behindern. Ansonsten würde er schon bald als Verlierer blutend und sterbend im Fluss treiben. Vorsichtig lockte er ihn Richtung Wasser. „Flüchte doch nicht, Frostfang. Ich werde gerade erst warm.“ Knurrend stürmte er auf ihn zu. Taryn drehte sich zur Seite. Nun musste er auf seine Reaktion vertrauen. Urek sprang auf ihn zu. Das geöffnete Maul berührte fast sein Fell, als er kräftig mit dem Schwanz ausholte und Wasser in die Luft wirbelte. Sein Gegner knurrte verärgert. „Genug von deinen Tricks!“ Wütend stürmte er auf Taryn zu. Nun war seine Chance gekommen. Unachtsam durch seine Wut geworden, vernachlässigte Urek seine Deckung und dachte nicht weiter über sein Handeln nach. Er drückte seine Pfote tief in die nun nasse Erde und schleuderte sie mit aller Kraft in Ureks Gesicht. Dieser war zu überrascht, um zu handeln. Er verfehlte ihn und gab ihm somit Raum, um selbst anzugreifen. Taryn lief so schnell er konnte auf ihn zu und biss ihn gezielt in den Nacken, jedoch nicht grob und fest genug, um ihn zu töten. Tief bohrten sich die Zähne in sein Fleisch. „Du! Ich kriege dich noch!“ Wütend versuchte Urek ihn abzuschütteln. Noch immer besaß er beeindruckende Kraft, doch Taryn ließ nicht locker. Er schüttelte ihn mehrmals hin und her, so gut es ging und so oft wie möglich. Er hoffte, es würde reichen, um zu bewirken was er wollte. Schließlich ließ er von Urek ab und konnte nur knapp seinem wütenden Maul entgehen. Dieser sah ihn an. „Du hättest nicht loslassen sollen, Frostfang. Nun wird es zu Ende gehen.“ Taryn erwiderte nichts und blieb stehen, als Urek erneut zum Sprint ansetzte. Auf halber Strecke jedoch stürzte er. Als er sich daraufhin sofort wieder knurrend erhob, begann er zu taumeln. Taryn kam auf ihn zu. „Hier endet es tatsächlich. Allerdings für dich. Ich habe gesagt, ich will nicht töten. Verloren hast du trotzdem.“ Ein bestialisches Knurren drang aus Ureks Kehle. „Noch nicht. Noch nicht!“ Doch als er zum Sprung auf Taryn ansetzte, versagten seine Vorderläufe und er knickte erneut ein. „Was hast du getan?! Hast du keinen Funken Kriegerstolz in dir, mit solchen Mitteln zu gewinnen?! Antworte!“ Wütend knurrte Urek ihn an. Doch Taryn blieb ruhig. „Kriegerstolz habe ich tatsächlich nicht, denn ein Krieger war ich nie, Weißfang. Doch ich weiß, dass man außer mit roher Kraft auch mit Verstand und Herz Kämpfe auszufechten vermag. Vielleicht erscheint es dir nicht kriegerwürdig, doch habe ich gewonnen und erreicht, was ich wollte: Mein Rudel ist weiterhin sicher und kein unnötiges Blut, kein Leben ist in diesem Fluss dahingeflossen. Lasse dich hier mit deinem Rudel nieder und uns einen Pakt des Friedens schließen, Weißfang. Ich als Rudelführer biete es dir im Namen der Frostfänge an.“ Zustimmend jaulte sein Rudel freundschaftlich im Hintergrund. „Es gibt verschiedene Krieger, Urek Weißfang. Ich war schon immer, wenn überhaupt, einer von Herz und Verstand. Was auch immer euch widerfahren ist, soll hier sein Ende finden. Trinke von unserem Wasser, solltest du dich entschließen zu bleiben. Du und dein Rudel, ihr seid hier willkommen.“ Nachdem er jene Worte sprach, blickte Taryn ihn noch einmal an und begab sich zurück ans Ufer zu seinem Rudel. Freudestrahlend blickte sein Sohn ihn an, fragte jedoch zuerst nach seiner Bisswunde am Bein. „Diese Verletzung wird heilen, Sohn. Sie war es wert.“ „Du hast toll gekämpft, Vater“, sagte er schließlich. Taryn zeigte seine Zähne und lächelte. „Um einen tollen Kampf ging es nicht. Ich hoffe, du hast heute etwas begriffen, Kyrek.“ Er blickte seinen Sohn an. Dieser schien zu wissen, was sein Vater meinte. „Das habe ich allerdings. Kämpfe können auch ohne Gewalt und Blutvergießen ausgetragen werden, zur Erhaltung des Wohles aller. Mit Verstand und Herz lässt sich vieles erreichen.“ Noch immer lächelnd blickte der Vater seinen Sohn an. „Weise Worte, mein Sohn. Du wirst eines Tages ein guter Rudelführer.“ Als sie hinter sich lauter Pfoten hörten, die sich ins Flusswasser begaben, drehten sie sich erneut um. Urek stand bei seinem Rudel, nun scheinbar wieder bei Sinnen. Und sie alle tranken ohne Ausnahme vom Wasser des Flusses. „Ich nehme dein Friedensangebot an, Taryn Frostfang. Du magst ein mieserabler Krieger sein, doch klug und mutig zweifelsohne.“ Er lächelte. „Ich danke dir, Weißfang. Willkommen in unserem Waldland. Man wird voneinander hören.“ Seine Wölfe trugen allesamt ein Lächeln im Gesicht. Heute haben sie alle vieles gelernt ― und Taryn war dankbar für den Weg, den seine Ahnen ermöglicht haben. Schließlich gingen beide Rudel erneut ihrer Wege. Bei ihrer nächsten Begegnung jedoch würden sie einander als Freunde begegnen. Und so lächelte Taryn Frostfang vor sich hin, als sie sich zurück in ihr übliches Gebiet begaben.
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