In Stille

Ich ging diese graue, alte Straße entlang, erneut. Es war mittlerweile Gang und Gäbe auf ihren Pfaden zu laufen, die Gedanken in mir loszulassen, die Ketten zu lösen, sie der Freiheit schenkend und von mir trennend. In mir nagten Gefühle von Kummer, Einsamkeit und Schmerz, der graue Himmel erschien wie gemalte Musik voller klagender Melancholie. Der Wind pfiff leise sein so vertrautes Lied und trug es an meine Ohren und Haare. Loszulassen war stets ein herrliches Gefühl, den alten Ballast fortzuwerfen, ihn fallen zu lassen auf die Straßen dieser Welt, ohne dass jemand sich lauthals beklagte ― ja, Genuss war es fürwahr. Die Uhr kündete das Kommen des Nachmittags an, die Sonne orangerot angehaucht leuchtend am weiten Himmelszelt. Diese Freiheit, wie gerne würde ich sie greifen! Doch wusste ich, ich war ihr wieder nahe, näher als zuvor, nahe wie die nach oben greifenden Bäume, ließ ich einmal mehr los vom Alten.
Schließlich bog ich auf den Seitenweg ein, diesen mir altvertrauten, wohlbekannten Weg. Er führte direkt auf den örtlichen Friedhof, groß und meist still, oft besucht doch selten nur von vielen zur selben Zeit. Er strahlte Ruhe aus ― Sinnbild der Stille und des Loslassens. Ich lief den Weg hinab auf den Pfad voller Kies und Erde, unter Bäumen entlanglaufend, nebst vielen alten Gräbern, mich nett und still anschweigend voller Ruhe und Verständnis. Die nun schon so lange Schweigenden, sie verstanden jene Bürden, jenen Schmerz tief in mir; doch sie wussten, weshalb ich hier war. Die Sonne schien warm auf mich herab, während ich weiter jenen Pfad enlanglief, nur das Rauschen von Blättern, das Knirschen der Steine unter meinen Füßen hörend. Nun stand ich also vor jenem Grab, unter dem meine Ahnen ruhten, jene, die ich nie kennenlernte ― und dennoch führte mich mein Weg oft hierher. Trotz des herbstlich bunten Regenfalles sah das Grab gepflegt aus; kaum lagen dort Blätter und Erde auf den Steinen und Blumen. Es erfreute mich. Ich setzte mich gegenüber auf die Bank, dieses alte Ding aus längst marodem Holz, knirschend und nass von zuvor gefallenem Regen. Dort saß ich nun, von der Stille der Natur umgeben, von den schweigenden Gräbern und diesem Friedhof. Einzig die Bäume, Blumen und Wiesen sprachen, lauter und lauter mit jeder verstreichenden Sekunde. Ich hörte ihr leises Pfeifen, das Lied der vielen Vögel, wie sie von Baum zu Baum flogen und vom Herbst und seinen Farben sangen, fühlte den Tanz der Gräser wie den Wind meine Seele berühren. Lauter und lauter wurde jene Symphonie, untermalt von der Stille wie eine Aufführung vom Höhepunkt ihrer Geschichte. Die Welt um mich schien zu verschwinden, während jener Zauber mich im Gegensatz förmlich anzuziehen schien. Ich ließ mich treiben und genoss, wusste wieder einmal mehr, warum ich hier war. Meine Schwingen waren ausgestreckt und stimmten mit ein in jenes treibende Lied der Freiheit, mich emporhebend und genießen lassend, als wöge dieser Körper rein nichts. Ich liebte Konzerte wie diese ― und wusste ich ebenso gewiss, wo ich sie stets finden würde.

 

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