Schwingen der Freiheit

Das Rot des späten Nachmittags legte sich langsam über das Land, während der Reisende mit seinem Esel über den schon fast verblichenen Pfad in Richtung der Stadt lief. Er erblickte zu seiner Rechten einen kleinen See und steuerte schließlich auf ihn zu. Die Sonne verschwand langsam hinter der Spitze des großen Berges, über welchen er des Morgens wandern wollte, um sich zur naheliegenden Stadt zu begeben, waren seine Vorräte an Lebensmittel erschöpft. Die Nacht würde sich bald schon über seinem Kopf erheben, und die vielen Sterne dieses kalte Land in seinem Schlummer behüten. Er band dem alten Esel die Tasche mit den Wasserflaschen ab, ließ ihn laufen und von dem klaren Wasser trinken, während er selbst unter dem nächsten Baum eine Schlafstätte zu errichten begann. Nachdem er schließlich fertig war, bemerkte er hinter sich nahende Schritte. Zunächst hielt er sie für die des Esels, hörte jedoch kurz darauf eine menschliche Stimme. „Hast Du vor, Dich hier über Nacht zur Ruhe zu legen, Wanderer?“ Es war eine junge Frau, von Kopf bis Fuß in dunkle Seide gehüllt. Einzig ihre Nase und ihre Augen waren nicht verhüllt. Sie strahlte eine seltsame Kraft aus, welche der Wanderer sich nicht zu erklären vermochte. „Ja. Wohin reist eine Frau alleine des späten Nachmittags?“ „Ich reise nicht wirklich“, sagte sie. „Ich leiste den ruhenden Reisenden ein wenig Gesellschaft, kreuzen sie meinen Weg.“ Die Antwort erschien ihm komisch, doch schwieg er darüber. „Ihr begegnet also vielen Reisenden wie mir, scheint es.“ „Ich begegne wohl vielen Reisenden, doch nicht solchen wie Dir. Ihr seid allesamt unterschiedlich, von den Sandalen und Stiefeln an euren Füßen bishin zu eurem Wesen und den Geschichten, welche ihr mit euch tragt.“ Die Antwort erstaunte ihn. Sie erschien so tiefgründig und geheimnisumwoben wie ihr bloßes Auftreten. „Das ist wohl wahr. Ich nehme an, Ihr werdet auch hier nächtigen?“ „Ich weiß es nicht“, erwiderte sie. „Es liegt bei dem, was ich vor Einbruch der Nacht vorfinden werde.“ Sie begann dem Reisenden zunehmend suspekt zu werden. Eine wahrlich seltsame Frau setzte sich zu ihm unter einen Baum inmitten von Natur und Stille, nur Augen und Nase von sich preisgebend, als trüge sie abertausend Geheimnisse unter ihrer schimmernden Seide, allesamt für alle Zeiten wohl verschlossen, mit ihm über Reisende sprechend. „Reist Du viel, Wanderer?“ „Das tue ich“, antwortete er ihr. „Ich bereise viele Orte; bereits seit vielen Jahren schon lebe ich unter den Weiten des Himmels umgeben von Wiesen, Bergen und Wäldern. Nur selten führen mich meine Wege in Städte und Dörfer.“ Sie schien ihm mit ihren klaren, glänzenden Augen auf den Grund seiner Seele zu schauen. Vielsagend blickte sie schließlich zu seinem Esel hinüber. „Er scheint mir der einzige Gefährte zu sein, welchen Du auf Reisen an Deiner Seite duldest.“ Dies war eine Feststellung, auf dessen Antwort die geheimnisvolle Frau zu warten schien. „Das ist wahr. Ich fühle mich unwohl, habe ich zu viel Gesellschaft um mich. Es würde das Reisen erschweren und mir die Freude an der Stille nehmen.“ Sie blickte ihm erneut tief in die Augen. „Tatsächlich.“ Sie machte eine kurze Pause, ehe sie weitersprach. „Du magst keine Gesellschaft um Dich. Deswegen meidest Du den Aufenthalt in Städten und Dörfern.“ Wieder stellte sie fest. Ihre Art brachte den Wanderer aus dem Konzept. Konnte sie in seinen Augen tatsächlich erkennen, was in ihm vorging? „Ich…ich weiß nicht…“ „Sage nichts“, begann sie schließlich erneut zu sprechen. „Ich weiß, was Du denkst. Es verunsichert Dich, was ich in Dir erkenne, weil es Deinen Gefühlen entspricht. Nicht wahr?“ Die junge Frau sah ihn an. Er glaubte, unter ihrer Verhüllung ein Lächeln zu erkennen. Er nickte. Wie auch immer sie es bewerkstelligte, er glaubte zunehmend, es nicht mit einer einfachen Frau, welche alleine umherreiste, zu tun zu haben. „Ihr seid ausgesprochen gut darin, in mein Herz zu blicken – nicht unbedingt zu meiner reinen Freude“, sagte er. Nun lachte sie. „Du gibst es zu. Doch wie erwähnt leiste ich den Wanderern und Reisenden dieser Welt gerne Gesellschaft. Sie tragen vieles in sich, allem voran unerzählte Geschichten. So auch Du.“ Er nickte erneut. „Was ist es, das Dich die Gesellschaft anderer so wenig lieben, so sehr vermeiden lässt? Ohne Zweifel nicht die reine Freude am reisen.“ Und erneut stellte die junge Frau fest. „Auch hier liegt Ihr erneut richtig“, antwortete er ihr und blickte sie an. Ihre glänzenden Augen schienen interessiert. Und so begann er zu erzählen.
„Ich war der Sohn eines einfachen Bauers, dessen Frau starb, als sie mir das Leben schenkte. Er sprach es nie aus, doch wusste ich, dass er mich dafür hasste. Sein Hass beeinflusste die Meinung der anderen Dörfler über mich, weshalb sie glaubten, sie müssten mich ihren Vorstellungen anpassen, damit durch mich kein weiteres Unheil geschieht. Habe ich nicht gehorcht, so bekam ich Prügel. Als es mir zu viel wurde, lief ich eines Nachts in einem kalten Sturm fort. Doch wohin ich auch kam, ich galt bloß als der Weise, den man anpassen muss. Schließlich mied ich die Dörfer und Städte, wäre jedoch fast verhungert, wusste ich in den Weiten der Natur nicht die passende Nahrung zu finden. Als ich mich verloren glaubte, begegnete ich einem alten Mann. Er reiste umher, wie ich es nun tue. Dank ihm lebte ich weiter und kann nun hier sitzen, brachte er mir alles bei, was es über das Leben als Reisender zu wissen gibt. Er starb nach nur wenigen Jahren, und so reiste ich alleine umher – und lernte die Abgeschiedenheit und ihre Stille zu lieben. Nun bin ich, wer ich bin und erzähle Euch davon.“ Die geheimnisvolle Frau blickte ihn an. Erneut schienen ihre Augen auf den Grund seiner Seele zu schauen. „Ich verstehe. Doch kannst Du so vermeiden, stets erneut die Vergangenheit zu durchleben?“ Er verstand nicht. Warum sollte er dies tun? „Die Vergangenheit durchleben? Sie liegt doch bereits hinter mir“, sagte er schließlich. „Du irrst, Reisender. Die Gesellschaft anderer meidest Du den Erfahrungen von damals wegen – nicht ohne Grund, wie wir wissen. Doch lässt Dich das Vergangene so niemals los. Du klammerst an ihm und meidest seine Präsenz.“ Der Reisende wusste nicht, was er erwidern sollte. Hatte diese Frau, die ihm in sein innerstes zu schauen schien, nicht Recht? „Das könnte tatsächlich sein“, sagte er. „Doch was soll ich tun? Auch heute wollen die Menschen bloß das reine Abbild ihrer Vorstellungen. Ich meide sie ihrer Vorstellungen wegen, die sie wie ihre Sensen auf dem Feld wild umherschwingen, um niederzumähen, was ihrer Ansicht nach niedergemäht werden muss.“ „Du vermeidest es, doch machst Du dich so nicht frei.“ Sie sah zu ihm hinüber. „Du weißt es selbst, Reisender.“ Und er wusste es. Doch egal wie sehr er schließlich auch überlegte, was er ihr antworten sollte, er wusste darauf nichts zu sagen. Ihm fehlten nicht die Worte, sondern vielmehr seiner Seele fehlten sie. Er fühlte sich ratlos wie niemals zuvor. „Was ist es, dass Du dir wünschst, Weltenreisender?“ Er blickte sie an. „Unabhängigkeit.“ „Warum gerade dies?“ „Bei allem Reißen der Anderen an meinen Flügeln bange ich um ihr Fortbestehen. Ich will nicht in ihren Käfigen sitzen, nur um mit ihnen Freundschaft zu schließen.“ Die Frau erhob sich. Noch einmal blickte sie ihm tief in die Augen. „Du weißt, was Dir wichtig ist, warst Du auch vorhin noch ohne Rat, geplagt von einer Ratlosigkeit, derer Du dir nicht einmal bewusst warst. Du willst unabhängig sein, drum sei es. Niemand kann Dir jene Unabhängigkeit und Deine Flügel nehmen außer Dir selbst. Mache Dich frei. Stelle Dir vor, wie es jenen geht, die empfinden wie Du, jedoch in ihren Städten und Dörfern bleiben, vermögen sie nicht zu reisen. Trage Deine Geschichten vom Reisen und Deine Flügel zu ihnen – warum, dass weißt Du tief in Dir selbst. Du hast auf den Grund Deiner Seele geschaut und erkannt, was Du unbewusst längst erkannt hattest.“ Als er den alten Esel vom See herüber rufen hörte, blickte er zu ihm. Sein alter Freund schien seine Zustimmung zu bekunden. Nachdem er sich erneut umdrehte, war die junge Frau plötzlich verschwunden. Als wäre sie nie da gewesen erstreckte sich vor ihm lediglich die weite, unberührte Wiese unter dem stetig dunkler werdenden Himmelszelt.
Als er sich schließlich zur Ruhe legte und am nächsten Morgen erwachte, blickte er noch einmal auf jene Stelle, an der seine geheimnisvolle Begegnung saß. Er wusste nicht, ob er sie sich bloß eingebildet hatte, nicht bloß mit sich selbst sprach oder sie tatsächlich Realität war, doch wusste er, was sie ihm gab: Eine Freiheit so weit und schön wie diese Welt, die er täglich bereiste. Und kein Käfig dieser Welt würde sie ihm noch einmal nehmen.
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