Der bunte Mann

Lysa nahm die bunten Wachsmaler aus der Schachtel und ließ sie auf den Tisch fallen. Sie griff nach ihren Lieblingsfarben. Energisch haute das kleine Mädchen die bunten Stifte in ihren Händen auf das leere Blatt Papier. Sie rief nach ihrer Mutter. „Mami! Mami, kommst du mit mir malen?“ Die Mutter blickte zu ihrer Tochter. „Sicher.“ Sie legte das Trockentuch beiseite und lächelte. Langsam setzte sie sich auf den Stuhl neben ihr. Die kleine Lysa strahlte. Sie ließ die Stifte in ihrer winzigen Hand erneut laut herabfallen. „Malen!“ sagte sie laut. „Was möchtest du denn schönes malen?“ „Einen bunten Mann mit ganz viel Sonne“, antwortete sie. Lysa lachte. „Der wird ganz toll!“ Wieder knallte die kleine Hand mit den Stiften auf das leere Blatt. „Bestimmt.“ Ihre Mutter lächelte. Lysa ließ die Stifte neben das Blatt Papier fallen und griff nach dem Gelb. Laut hörbar kreiste der Stift auf dem Papier, bis ein großer, gelber Kreis zu sehen war. „Die Sonne.“ „Genau!“, sagte sie. Anschließend nahm sie mehrere Stifte und malte mit allen gleichzeitig. Während ihre Mutter zuschaute, zischte es im Hintergrund. „Der Eintopf. Ich komme gleich wieder“, sagte ihre Mutter und ging hinüber zum Herd. Während sie weitermalte, hörte sie, wie ein Schlüssel in der Tür gedreht wurde. Ihr Vater kam nach Hause. Genervt warf er seine Tasche in die Ecke, zog sich Jacke und Schuhe aus, ehe er müde in die Küche blickte. „Hallo ihr zwei.“ „Hallo Schatz.“ Die Mutter lächelte. „Hallo Papa!“ Die kleine lachte, doch ihr Vater reagierte nicht darauf. Müde schlurfte er ins Wohnzimmer und ließ sich auf die Couch fallen, ehe er den Fernseher einschaltete. Lysa sah ihre Mutter enttäuscht an. „Später“, meinte sie daraufhin lächelnd und wandte sich dem Eintopf auf dem Herd zu.
Nach dem Essen hatte Lysa ihr Bild fertig gemalt. Sie hielt es in die Luft und rief ihre Mutter. „Mami guck mal. Ich bin fertig!“ Die Mutter schaute auf das Bild ihrer kleinen Tochter und lächelte. „Das ist sehr schön. Und ganz bunt.“ „Ja.“ Sie legte es auf den Tisch und seufzte. „Der bunte Mann muss aber noch meine Malstifte essen.“ Verwundert sah die Mutter Lysa an. „Warum denn?“, fragte sie. „Damit er ganz bunt bleibt.“ Ehe die Mutter ihr darauf antworten konnte, kam der Vater in die Küche. „Machst du mir einen Kaffee? Ich hole ihn mir sofort. Der Bericht für morgen muss noch geschrieben werden.“ „In Ordnung. Schau doch mal, was unsere Tochter schönes gemalt hat.“ Er blickte zu seiner lächelnden Tochter und anschließend auf ihr Bild. „Schön gemacht“, sagte er tonlos. „Also dann.. ich hole mir den Kaffee, wenn er fertig ist.“ Als er in sein Arbeitszimmer ging, blickte Lysa traurig auf ihr Bild. „Später“, sagte die Mutter erneut. „Nein! Papa hat nie Zeit.“ Sie nahm ihr Bild und ihre Wachsmaler. Kurz darauf war sie in ihr Zimmer verschwunden.
Als ihre Eltern später schließlich gemeinsam am Tisch saßen und Kaffee tranken, sprach ihr Vater von der Arbeit. Die Kleine hielt ihr Bild mitsamt den Wachsmalern trotzig in den Händen und stellte sich an den Tisch. Beide unterhielten sich angeregt und nahmen nur kurz von ihr Notiz. Schließlich sah ihre Mutter zu ihr herüber. „Was ist, Schatz?“ Trotzig blickte sie zu ihrem Vater. „Papi hat mein Bild nicht richtig gesehen.“ Er seufzte. „Hör mal, kleine Maus. Jetzt nicht. Ich hatte einen anstrengenden Tag. Später.“ Lysa wurde wütend. „Du sagst immer später. Der bunte Mann sollte meine Farben essen, damit er bunt bleibt. Jetzt aber du!“ Sie ließ die Wachsmaler auf den Tisch knallen. „Papa braucht mehr Farbe als der bunte Mann. Eigentlich müsste er sie essen.“ Mit ihrem Bild in der Hand ging sie wütend davon. Verdutzt blickte der Vater zu seiner Frau. „Das waren wohl zu viele später„, sagte sie ihm daraufhin und spülte das Geschirr ab. Als er schließlich zurück in sein Arbeitszimmer wollte, schaute er vorsichtig in das Zimmer seiner kleinen Tochter. Sie war eingeschlafen. Leise ging er hinein und nahm das Bild. Zusammen mit den Stiften legte er es auf seinen Schreibtisch und ließ es fortan immer gut sichtbar dort liegen, egal wie viel Papierkram sich darauf auch stapelte. Der bunte Mann unter der großen Sonne lachte ihn an. Von da an wusste er, was fehlte – und warum er Wachsmalstifte essen sollte.
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