Gesichtslos

Er ging die Straße entlang, ohne zu wissen, wohin er wollte. Ihm fiel ein, dass er noch zur Bank musste. Mit schnellen Schritten ging er um die Straßenecke. Die Bank war auf der anderen Straßenseite, die nächste Ampel erst am Ende der Straße. Lustlos blieb er stehen. Als er seine Chance sah, ging er schließlich über die gut befahrene Straße. Autos hupten und bremsten, doch er ging unbeirrt weiter und zeigte ihnen seinen gestreckten Mittelfinger. Auf dem Bürgersteig angekommen seufzte er entnervt. Kurz darauf rannte ein kleines Mädchen ihn fast um. Die Tüte in ihren Händen fiel dabei hin und der Inhalt verteilte sich auf dem Asphalt. Er bückte sich und packte alles zurück in die Tüte, ehe er sie dem Mädchen zurückgab. „Du musst aufpassen. Nicht alle würden deine Sachen aufsammeln. Manche würden stattdessen herumschreien.“ Sie nickte lächelnd und bedankte sich. Kurz darauf lief sie los und verschwand um die nächste Straßenecke.
Als er schließlich in die Bank wollte, sah er am Schalter eine Frau. Zu ihren Füßen lagen zwei Geldscheine, nicht gerade wenig wert. Sie schien es nicht zu bemerken. Er sagte nichts und wartete, bis sie ging. Er vergewisserte sich, dass ihn keiner sah, ehe er sie aufhob und in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Danach ging er hinein. Als er nach wenigen Minuten herauskam, war die Frau plötzlich wieder da. Sie schien gemerkt zu haben, dass sie Geld verloren hatte. „Entschuldigen Sie. Haben sie vielleicht gesehen, ob ich Geld verloren habe oder ob es jemand aufgesammelt hat?“ Er verneinte. „Tut mir Leid.“ „Danke trotzdem.“ Mit unglücklichem Gesichtsausdruck ging sie fort. Als er sich kurz darauf umdrehte, entdecke er plötzlich einen Maler. Im Schatten des Baumes fiel er ihm zuvor gar nicht auf. Er ging hinüber und schaute sich seine Werke an. Augenscheinlich malte er Portraits von Leuten. „Sie sind ziemlich gut. Würden Sie von mir auch eins malen?“ Der Mann sah zu ihm auf und lächelte vielsagend. „Sicher. Allerdings müssen Sie mir ein wenig dafür zahlen.“ Als er nickend zustimmte, nannte ihm der Mann den Preis. Es entsprach der Menge an Geld, die er zuvor gefunden hatte. „Abgemacht.“ Der Mann nickte. „Eine Sache jedoch noch“, sagte er. „Wenn ich fertig bin, holen Sie das Bild bitte erst morgen ab. Ich gebe morgen ein weiteres ab, dass ich durch Sie für meine Kundin malen konnte. Sie hätte es sich sonst nicht leisten können. Ist ein Geschenk für ihren Mann. Sie freut sich bestimmt, wenn sie Ihnen persönlich danken kann.“ Er stimmte den Bedingungen des Mannes zu. Schließlich verabschiedete er sich von ihm und ging.
Am nächsten Morgen ging er wie abgesprochen zu dem Mann. Er wartete bereits auf ihn. „Schön, dass Sie gekommen sind. Die Kundin müsste gleich kommen.“ Schweigend warteten sie, bis das Klackern von Stöckelschuhen zu vernehmen war. Als er sah, wer die Kundin war, traute er kaum seinen Augen. Es war die Frau, die am Tag zuvor ihr Geld verloren hatte, das er für das Bild verwendet hatte. Sie nickte ihm höflich zu. Als der Mann ihr schließlich das Bild überreichte und sagte, dass er dafür großzügigerweise gezahlt habe, dankte ihm die Frau. „Danke vielmals. Das ist wirklich sehr nett. Gestern erst habe ich das Geld für das Bild verloren. Ich will es meinem Mann schicken.“ Er lächelte zögerlich, ehe die Frau sich lächelnd verabschiedete und ging. Der Mann sah ihn an und reichte ihm schließlich seins. Als er es sah, war er irritiert. „Wieso habe ich kein Gesicht?“ „Die Kunst drückt vieles aus, mein Freund. Das Wissen Sie bestimmt bereits. Dem vollkommen Gestaltlosen kann ich keine Form geben.“ Als er sich umdrehte und seine Sachen zusammenräumte, sah er ihn über die Schulter an. „Der Pinsel sieht vieles“, sagte er. „Und sehen Sie es so: Im Grunde ist das Bild gratis. Sie haben schließlich großzügigerweise für die Frau gezahlt, die es sonst nicht hätte bezahlen können.“ Kurz darauf ging der Mann seiner Wege und ließ ihn mit dem Portrait zurück.
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