Der Fremde

Es war kalt, als Frau S. ihren schweren Koffer nahm und durch die weiten Hallen des Bahnhofs irrte. Die Menschenmassen erschwerten es, sich zu orientieren. Sie schleppte ihren Koffer hinter sich her und suchte. In 30 Minuten fährt der Reisebus. Nur mit Mühe fand sie den Ausgang und steuerte schließlich auf die Busse zu. Drei an der Zahl standen dort. Frau S. erblickte ihren und die dazugehörige Reisegruppe. Sie zog den schweren Koffer mit letzter Kraft hinter sich her und stellte sich dazu. Ihre gestauchte Hand pochte. „Guten Morgen.“ Die Leute sahen sie nur an, manche nickten. Sie wandte sich ab. Es sah nach Schnee aus. Schließlich kam der Busfahrer. „Morgen zusammen.“ Es kam Frau S. noch kälter vor, als eisiger Wind zu wehen begann. Er zeigte der Gruppe, wo die Koffer reinkommen und stieg in den Bus. Schneefall setzte ein. Schnell waren die meisten Koffer verstaut. Ein alter Mann am Rande der Gruppe schien Probleme zu haben. Die Leute stiegen gedankenverloren in den Bus, nachdem sie ihre Koffer verstaut hatten. Der kalte Wind wehte noch stärker. Mit Mühe bekam Frau S. ihren eigenen in den Bus, ging aber trotzdem hinüber. „Kann ich helfen?“ „Ja“, antwortete er. „Ich habe wieder Schmerzen. Mein Rücken.“ Sie nahm seinen Koffer und stellte ihn hinein. „Danke“, sagte er und beide stiegen ein. Kurz darauf fuhr der Bus los.
Als der Bus ankam, schneite es noch immer. Die Leute holten ihre Koffer heraus und gingen müde in Richtung Hotel. Frau S. musste dem alten Mann erneut helfen. „Sehr aufmerksam.“ Er lächelte, ehe sie gemeinsam Richtung Hotel gingen. Der Schneefall ließ nach. Im Hotel ließ sie sich ihren Zimmerschlüssel geben und ging zum Aufzug. Der alte Mann hielt sie am Arm. „Darf ich noch fragen, wie die Frau heißt, die mir geholfen hat?“ Erst jetzt bemerkte sie einen Akzent. „Frau S.“ „Frau S. also. Danke.“ Er lächelte und verschwand.
Eine Weile später traf sich die Reisegruppe erneut. An der Hotelbar entstanden viele angeregte Gespräche. Frau S. zog sich mit Kaffee und Buch an einen Tisch nahe der Bar zurück. Nach einiger Zeit folgte ein wütendes Fluchen. Es war eine Frau der Reisegruppe. „Ich wurde bestohlen!“ Sie sah die Person zur ihrer Rechten an. Es war der alte Mann. „Sie waren das. Sie waren die ganze Zeit neben mir!“ Draußen begann es erneut heftig zu schneien. „Nicht doch“, sagte er ruhig. „Hier sind viele Menschen. Ich habe dazu außerdem keinen Grund.“ Das Gesicht wurde rot. Sie glaubte ihm nicht. „Lüge, Lüge, Lüge!“ Niemand hielt sie zurück. Frau S. ging herüber und versuchte, die Frau zu beruhigen. „Wer sollte es sonst gewesen sein?!“ Sie verlor die Kontrolle über ihre Wut. Eine Hand flog auf sie zu, doch der alte Mann fing sie ab. „Ruhig. Ich finde den Dieb.“ Die Frau stürmte erbost davon. Frau S. dankte dem alten Mann.
Später kam die Frau zurück. Sie wirkte ruhiger. Draußen wehte eisiger Wind. Als sie den alten Mann an der Bar erblickte, wandte sie sich ab. Frau S. war in ihr Buch vertieft, als es plötzlich laut knallte. Ein Mann fiel zu Boden und ließ etwas fallen. Der alte Mann stand neben ihm. Offenbar hatte er ihm ein Bein gestellt. Er hob den Gegenstand auf und lächelte. Es war das Portemonnaie der Frau. Er bat den Barkeeper um Hilfe, damit der Mann nicht flüchtete und legte es vor der Frau auf den Tresen. „Hier, bitte.“ „Aber wie…und wieso, nachdem ich so…“ „Es ist egal wie oder warum“, sagte er. „Was sind schon Hindernisse, nicht wahr?“ Er blickte lächelnd zu Frau S. herüber. „So macht man es dort, wo ich herkomme.“ Als er sich schließlich umdrehte und lächelnd ging, klarte auch der Himmel zum ersten Mal an diesem Tag auf. Die Sonne schien.
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