Von Vorbildern

An einem kalten Wintertag kam des Abends ein Mädchen zu ihrem Vater an den Küchentisch, wo er gerade Zeitung las. Durch das Fernsehprogramm neugierig geworden, wollte sie ihm eine Frage stellen. „Daddy?“ „Ja, Kleines?“ „Warum haben die Großen immer Vorbilder? Muss ich mir auch ein Vorbild nehmen? Sie sagen, dass man sich Vorbilder nimmt, damit man weiß, wie man selbst später sein möchte und weil es einem Mut gibt.“ Der Vater blickte über den Rand seiner Zeitung. „Vorbilder sind etwas schönes. Trotzdem sollte man sich keine nehmen, zumindest keine Menschen.“ „Warum?“ Verwundert sah die Tochter ihn an. „Nun, schau her. Würdest du dir Daddy zum Vorbild nehmen, dann würdest du werden wollen wie ich. Dann wärest du Daddy, aber nicht mehr du. Und du bist gerne du selbst, nicht? Einen zweiten Daddy im Haus brauchen wir nicht, weil ich schon Daddy bin. Ich wäre traurig, würdest du wie Daddy sein wollen.“ „Daddy soll Daddy bleiben, ja. Aber du bist doch toll. Warum soll ich dann nicht wie Daddy sein wollen? Was ist daran schlecht?“ Der Vater legte die Zeitung beiseite und sah seine Tocher lächelnd an. „Du würdest wenn du älter bist wie dein Daddy sein, nicht aber wie meine Tochter. Wenn man Vorbilder hat, vergisst man schnell sich selbst. Sie sind wie der Ball, dem unser Nachbarshund immer hinterherläuft. Ohne würde man sich dann verloren fühlen, denn auch der Nachbarshund wüsste dann nicht, was er machen soll.“ Die Tochter blickte ihn skeptisch an. „Aber wenn Vorbilder so schlecht sind, weil man wie andere wird, kann ich dann überhaupt Vorbilder haben?“ Der Vater lächelte erneut. „Wenn du dir wirklich etwas zum Vorbild nehmen willst, sei hell wie die Sterne und warm wie die Sonne, sanft wie der Wind und frei wie die Vögel, wie der starke, treue Wolf und fröhlich wie der bunte Herbst, lebendig wie der Frühling und standhaft wie ein Baum bei Sturm.“ Verwirrt blickte die Tochter ihren Vater an. „Das verstehe ich nicht.“ Voller Güte antwortete er ihr. „Wenn du älter geworden bist, wirst du es verstehen. Vertraue mir.“ Und mit dem Verstreichen der Jahre verstand sie tatsächlich.

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