Eine kleine Geschichte von Begegnungen

Eine kleine Geschichte, an die ich dieser Tage immer wieder denken muss, sie jedoch etwas oberflächlicher und abgewandelt erzählen werde, aus Respekt vor den Emotionen und Worten der alten Dame, die darin vorkommt und mir ein erzählen dieser just in diesem Moment überhaupt erst ermöglicht.

An einem regnerischen Vormittag war ich unterwegs zu einer langjährigen Freundin und machte mich auf den Weg zur U-Bahn. Da es noch relativ früh war, blieben viele Plätze leer und ich begab mich zu einem freien Platz direkt am Fenster. Nachdem die Bahn bereits einige Stationen anfuhr und sich der Innenstadt nährte, wurde es zunehmend voller. Mehr und mehr Menschen stiegen mit jeder Station in die U-Bahn ein. Normalerweise hängen viele der Fahrgäste daraufhin ihren Gedanken nach, simsen still vor sich hin oder lesen Zeitung, doch an diesem Tag sollte es nicht so sein. Während der Großteil sich setzte, gewohnterweise schwieg und in der Tageszeitung versank, kam plötzlich eine alte Dame und begab sich auf den Platz neben mir. Zuerst grüßte sie mich lediglich freundlich, woraufhin ich sie zurückgrüßte. Als ich dachte, sie würde nun wie viele in dieser Bahn selbst ihren Gedanken nachhängen und nicht länger mit mir sprechen, begann sie plötzlich zu erzählen. „Ganz schön schlechtes Wetter im Moment, nicht? Gut, dass ich mit meinen Einkäufen schon fertig bin.“ Ich pflichtete ihr bei. Geduldig hörte ich ihr zu, während sie vom Wetter und ihren Einkäufen sprach. Zuzuhören war mir ohnehin lieber, gehörte selbst zu erzählen nicht zu meinen Stärken. Etwas in mir jedoch nahm an, sie würde gleich nicht länger erzählen und schließlich schweigen, doch was dann folgte, überraschte mich. Sie begann, mir von ihrem Leben nach dem Tod ihres Mannes zu erzählen. „Bis jetzt komme ich gut klar. Aber es ist nicht schön, in dem Haus so alleine zu sein. Ärger wegen Zahlungen für das Haus habe ich auch. Dabei war es früher einmal so schön.“ Deutlich machte sich ihre Einsamkeit bemerkbar und wie gut es ihr tat, reden zu können. Ich hörte weiterhin voller Geduld zu, lauschte jedoch noch aufmerksamer als vorher. So erzählte sie mir von den schönen Zeiten, die sie zusammen mit ihrem Mann verbrachte, von den wenigen Malen, in denen Familie sie besuchen kommt und diesem Haus, in dem sie so alleine ist und doch so viele Erinnerungen an schöne Momente stecken. „Es ist schon ziemlich einsam. Meistens bin ich darin alleine und kümmere mich um meine Blumen auf dem Balkon und gehe einkaufen.“ Nachdem sie für eine lange Zeit viel erzählte, schwieg sie schließlich einen Moment, ehe sie zu mir sagte „Entschuldigen Sie, junge Frau. Jetzt habe ich Ihnen so viel erzählt. Aber es tut gut, auch mal mit anderen zu reden, wenn man so viel alleine ist. Dankeschön.“ Bevor die Frau schließlich aufstand und lächelnd die U-Bahn verließ, glaubte ich in ihren Augen so etwas wie Bewegtheit zu erkennen, glitzernde, nicht geweinte Tränen, die Dankbarkeit und Freude zeigten.

Für manchen ist die Aufmerksamkeit anderer nichts besonderes, sind sie stets von vielen Augen- und Ohrenpaaren umgeben. Für andere jedoch ist sie ein Geschenk, treffen sie nicht nur auf Ohren, die das Gesagte aufnehmen und zuhören, sondern auch Menschen, welche ihre Worte und Emotionen mit dem Herzen zur Kenntnis nehmen. Für einen einsamen Menschen ist es das, was für uns heißer Kakao und Kaffee im kalten Winter sein mögen. Jene kleinen, magischen Momente und Begegnungen des Lebens zeigen und erinnern uns an vieles: An Vergänglichkeit, den Prozess der immerwährenden Veränderung, die Wertschätzung all‘ dessen, was uns gegeben ist; an die Schönheit des Glückes und Miteinanders, an die Wichtigkeit von Aufmerksamkeit und Geduld, an den Spiegel, den andere Menschen darstellen können. Offene Ohren und ein offenes Herz lohnen immer ― Man kann niemals wissen, wann beides gebraucht wird und jemandem den Funken an Freude schenkt, welchen er braucht.

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